Klassiker schiebt man ja leider viel zu oft viel zu lange vor sich her. So auch in meinem Fall mit „Krabat“.

Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ hat mich meine ganze Kindheit über begleitet. Erst bekam ich daraus vorgelesen, dann habe ich es mir selbst erlesen – wieder und wieder, bis das Buch (immerhin Hardcover!) so zerfleddert war, dass ein neues Exemplar einziehen musste, wobei das alte Exemplar natürlich aus nostalgischen Gründen aufbewahrt wurde. Außer der kleinen Hexe begegnete mir in meiner Kindheit aber nie eine weitere Geschichte aus Preußlers Feder. Dass Preußler mehr als die wundervolle Hexengeschichte geschaffen hat, erfuhr ich erst als Erwachsene. Besonders neugierig machte mich die Verfilmung von „Krabat“ und so landete die literarische Vorlage auf der Wunschliste. Dort wartete das Buch viele Jahre darauf, bei mir einzuziehen.

Otfried Preußler: "Krabat"

Nachdem nun Mona vom Tintenhain von ihrem Ausflug zum Krabat-Schauplatz Schwarzkollm berichtete, waren meine Reise- und Leselust (erneut) geweckt. Ins echte Schwarzkollm werde ich zwar in absehbarer Zeit nicht kommen, aber „Krabat“ holte ich sofort zu mir. Von Mona erhielt ich auch den Tipp, dass die Lektüre von „Krabat“ am besten in die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr passt. Leider werde ich um die Feiertage herum jedoch nicht zum Lesen kommen. Daher nutze ich die aktuelle, von Mona entfachte Begeisterung und das düstere, verregnete Novemberwochenende, um mich schon jetzt zur legendären Mühle im Koselbruch zu lesen.

Update 1 - Samstag, 9.00 Uhr

Gestern Abend habe ich leider nicht lange in Krabats Welt verweilen können. Lediglich 38 Seiten habe ich geschafft, dann holte mich die Erschöpfung der alles andere als guten Woche ein.

Was ich bisher von „Krabat“ lesen konnte, hat mir jedoch gefallen. Ich mag den flotten Einstieg ins eigentliche Geschehen, dass Herr Preußler seine Leser nicht erst Ewigkeiten in Krabats bisheriges Leben einführt, sondern uns direkt im ersten Kapitel zur Mühle im Koselbruch führt. Dort wird auch sehr schnell klar, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht und den Müller mitsamt seiner Mühlknappen ein dunkles Geheimnis umgibt. Damit hat Otfried Preußler die Aufmerksamkeit der Leser natürlich schnell und mir wird bewusst, wir sehr ich es eigentlich bedaure, dass dieses zügige „Zur-Sache-Kommen“ zu selten in heutigen Kinder- und Jugendbüchern zu finden ist.

Schnell wird auch klar, dass Altgeselle Tonda ein großer Sympathieträger und so etwas wie die gute Seele innerhalb der Mühle ist. Sofort habe ich Daniel Brühl vor Augen und in Verbindung mit Tondas Wesen und Handlungen im Buch entsteht vom ersten Moment an eine Vertrautheit zu dieser Figur, die ich bereits jetzt ins Herz geschlossen habe.

Ich finde es erstaunlich, wie es Otfried Preußler gelungen ist, den wichtigsten Mühlenknappen eine Bedeutung und Authentizität zu verleihen, obwohl sie nur wenige kurze Auftritte haben. Das gilt für verantwortungsbewussten Tonda, für den von fast allen verspotteten und für dumm gehaltenen Juro und für den zwielichtigen Lyschko. Die Verkörperung Lyschkos durch Robert Stadlober im Film passt dabei übrigens ideal zur Beschreibung der Figur im Buch. Der einzige Unterschied: Im Film ist es Robert Stadlober mit seiner Interpretation gelungen, dass ich immer wieder am Zweifeln war, ob Lyschkos Absichten wirklich ausschließlich böser Natur sind – im Buch wird das deutlich schneller klar. Aber vielleicht ist das auch nur der momentane Eindruck und es geht mir im weiteren Verlauf wie bei der Verfilmung?! So oder so wird der weitere Aufenthalt in der Mühle für mich ein Abenteuer.

Update 2 - 13.05 Uhr

„Denn Krabat hatte inzwischen begriffen: Wer in der Kunst der Künste bewandert war, der gewann über andere Menschen Macht; und Macht zu gewinnen – so viel, wie der Meister besaß, wenn nicht mehr -, das erschien ihm als hohes Ziel, dafür lernte und lernte und lernte er.“ (S. 58)

Krabats erstes Jahr in der Mühle und in der Macht des Müllers sind vergangen. Vereinzelt gab es durch die schwarze Magie verursachte Momente der Freude für Krabat und die anderen. Doch die meiste Zeit schwebt eine bedrohliche Düsternis über allem und die Tage sind von harter Arbeit und blindem Gehorsam geprägt.

Zur Neujahrsnacht nun mussten wir uns von einem lieb gewonnenen Charakter verabschieden, der mir auf den noch verbleibenden ca. 150 Seiten sehr fehlen wird.

Zwischenzeitlich irritiert hat mich Preußlers Sprung der Erzählweise vom Präteritum ins Präsens – früher in der Schule gab es dafür Punkteabzug. 😉

Update 3 - 15.30 Uhr

Das zweite Jahr in der Mühle begann in Stille. Keiner wollte über den Toten sprechen, jeder tat, als wäre nichts geschehen, doch das Schweigen an sich sprach regelrechte Bände und die Stimmung in der Mühle war bedrückend. Doch Krabat hat den Verstorbenen nicht so schnell vergessen und wird es auch nicht.

„‚Dein Messer‘, meinte er – ‚damit kannst du dich sehen lassen …‘
‚Ein Andenken‘, sagte der Junge.
‚Von einem Mädchen wohl?‘
‚Nein‘, sagte Krabat. ‚Von einem Freund, wie es keinen mehr geben wird auf der Welt.‘
‚Das weißt du bestimmt?‘, fragte Juro.
‚Das‘, sagte Krabat, ‚weiß ich für Zeit und Ewigkeit.'“ (S. 96)

Viel Zeit zum Trauern und Gedenken bleibt allerdings nicht und auf Krabat wartet der nächste Initiationsritus: Seine Zeit als Lehrjunge in der Mühle ist vorüber und Krabat wird zum Gesellen geweiht, steht nun auf der gleichen Stufe wie die anderen Jungen und Männer in der Mühle.

Die Mühlknappen bleiben außerdem nicht lange zu elft – der schlacksige Witko macht das Dutzend wieder voll und ähnelt zu Beginn sehr Krabat in seinem ersten Lehrjahr. Dennoch ist es nicht Krabat, der sich des neuen Schützlings annimmt. Wie könnte er auch? Schließlich ist auch für Krabat noch vieles neu und unbekannt und nach dem Todesfall in der Neujahrsnacht sucht Krabat jemanden, dem er gänzlich vertrauen kann.

Abgesehen davon kehrt schnell wieder Routine in der Mühle ein. Die zwölf Mühlknappen ackern sich durch ein weiteres Jahr, müssen so manches einstecken. Jeglicher Versuch der Hilfsbereitschaft wird übel bestraft. So wundert es auch nicht, dass zum Jahreswechsel ebenjener Geselle zu Tode kommt, der sich um Neuling Witko besonders gut kümmerte.

Update 4 - 18.40 Uhr

Das dritte Jahr in der Mühle ist vergangen. Krabat wurde mit einem Freund aus seinem Leben vor der Mühle wieder vereint und er hat unter den „alten“ Mühlknappen einen ganz besonderen Freund gefunden. Aber das letzte Jahr war auch extrem spannend und gefährlich. All das Furchtbare, das Böse und Dunkle, dass das Leben in der Mühle begleitete und das schon in den ersten beiden Jahren stets präsent war, spitzte sich immer zu, trieb immer schneller auf einen unerbittlichen Höhepunkt zu. Der Plan, den Krabat verfolgte, drohte daher ständig, ihn das Leben zu kosten, noch bevor er auch nur versuchen konnte, ihn in die Tat umzusetzen. Als nur noch zehn Seiten vor mir lagen, fragte ich mich daher, wie all das auf so wenigen verbleibenden Seiten zu einem Ende führen sollte – egal, zu welchem Ende. Aber Preußler hat es geschafft, auf ganz wenigen Seiten ein turbulentes Ende zu erzählen, dass keine Fragen mehr offen ließ.

Fazit

Bloggerkollegin Mona hatte natürlich recht: „Krabat“ ist die perfekte Lektüre für den Jahreswechsel. Lesenswert ist das Buch aber selbstverständlich auch zu anderen Zeiten im Jahr. Ich bin letztlich einfach nur froh, diesen Klassiker endlich gelesen zu haben. Ich habe eine geheimnisvolle, düstere und gefährliche Reise hinter mir, während derer ich eine Handvoll Charaktere sehr ins Herz geschlossen habe. Sogar mit dem verräterischen Lyschko bekam ich irgendwann Mitleid, wenngleich ich die Interpretation der Figur durch Robert Stadlober spannender finde und mir der Lyschko aus dem Film wohl stärker in Erinnerung bleiben wird als der Lyschko aus dem Buch. Doch das ist keineswegs als Kritik zu deuten, denn Schwachstellen kann ich an diesem tollen, außergewöhnlich düsteren Jugendbuch nicht finden – im Gegenteil: Ich habe jetzt große Lust auf mehr mystisch-dunkle Geschichten! Vielleicht hat der ein oder andere von euch ja ein paar Empfehlungen für mich parat?!