Alice im Wunderland KollektionDie wunderbare Kati von Zeit zu lesen hat mich getaggt. Das Stöckchen, um das geht, steht unter dem Thema „Alice im Wunderland“. Als regelmäßige Wunderland-Touristin und Besucherin von Nicht-Geburtstag-Teeparties kann ich da natürlich nicht widerstehen. Für mich sind die beiden Alice-Bücher von Charles Lutwidge Dodgson alias Lewis Carroll nicht nur zeitlose Klassiker, die uns Leser auf unterhaltsame und subtile Weise alles in Frage stellen und hundertmal um die Ecke denken lassen, sondern über die Jahrzehnte zu Herzensbüchern geworden, die ich wieder und wieder zur Hand nehme und in denen ich trotz dutzendfacher Lektüre noch immer Neues entdecke.

Nun darf/soll/kann/möchte ich meine Lesebiografie einmal aus der Perspektive von Wunderland-Elementen betrachten … Also ran an die Teetassen und los geht’s!

„‚How do you know I’m mad?‘ said Alice.

‚You must be,‘ said the Cat, ‚or you wouldn’t have come here.'“

(Lewis Carroll: „Alice’s Adventures in Wonderland“, Kapitel 6)


1) Der verrückte Hutmacher: Hat dich ein Buch total verwirrt oder mit einem unbefriedigend offenen Ende zurückgelassen?

Das war ganz klar „Shutter Island“ von Dennis Lehane. Ich habe dieses Buch atemlos verschlungen und es ist noch heute eines meiner Favoriten im Buchregal. Aber dieses offene Ende, das den Leser doch das ein oder andere erneut in Frage stellen lässt und viel Raum zum Interpretieren lässt, ist schon ein wenig fies. 😉 Trotzdem hat mich dieses offene Ende aber nur begrenzt unbefriedigt zurückgelassen. Zwar hätte ich liebend gern etwas mehr Klarheit gehabt, doch schafft es Dennis Lehane durch diesen Kniff natürlich, dass man noch lange nach Zuklappen des Buches weiter sinniert. Im Netz wurde nach Erscheinen ebenfalls eifrig spekuliert und es kursieren die unterschiedlichsten Theorien. Und um ehrlich zu sein: Dieses offene Ende passt zur Story und ohne dieses hätte ich das Buch wohl mit etwas weniger Faszination und Begeisterung zugeklappt.

Unbefriedigender fand ich da das Ende der „Tribute von Panem“-Reihe – das war zwar nicht offen oder verwirrend, aber so unspektakulär und vor allem für Katniss so einfach gemacht, dass es mich tatsächlich mit einem irritierten und frustrierten „Ernsthaft?“ zurückließ.

2) Das weiße Kaninchen: Lesestil – Lieber schnell und viel oder langsam mit Genuss?

Wie schnell ich lese, hängt stark davon ab, was ich lese: Ist es eine eher temporeiche Story, in der sich die Ereignisse überschlagen, oder ist es ein Roman, in dem ernste Themen oder Charakterentwicklung im Vordergrund stehen? Auch der Schreibstil beeinflusst mein Lesetempo. Grundsätzlich bin ich aber eher ein langsamer Genießer, da ich das Gelesene gerne in Ruhe für mich reflektiere und mir bestimmte Szenen gerne visuell vorstelle, wobei ich gedanklich gerne etwas abdrifte. 😉

3) Die Grinsekatze: Gibt es ein Buch, in dem du dich total geirrt hast?

Ich glaube, wer diese Frage mit „nein“ beantworten kann, hat sich noch nie aus geliebten Lesegefilden herausgetraut – oder geht ohne auch nur die geringsten Vorstellungen an ein Buch heran.

In den letzten Jahren gab es zwei Bücher, die mich positiv überrascht haben. Da wäre zum einen „Freaks“ von Joey Goebel. Als ich den Klappentext las, vermutete ich zunächst etwas Trashiges, da ich mir nicht vorstellen konnte, wie eine Geschichte um eine Band mit derart schrägen und unterschiedlichen Personen funktionieren soll, ohne im Humor flach abzufallen. Tatsächlich ist die Story aber sehr genial umgesetzt und vielschichtiger, als ich anfangs vermutet hätte. Das zweite Buch, von dem ich mir nicht allzu viel versprach, war „Die Siedler von Catan“ von Rebecca Gablé. Ein Buch zu einer Brettspielreihe? Ob das inhaltlich ausgefeilt sein und den Leser packen kann? Daran hatte ich so meine Zweifel. Auch fürchtete ich, dass das Ganze „verkitscht“ oder klischeebeladen und vorhersehrbar daherkommt. Dennoch war ich neugierig auf die Umsetzung und der Klappentext klang nicht übel. Beim Lesen lösten sich meine Bedenken schließlich mit jedem weiteren Kapitel in Luft auf. Rebecca Gablé hat eine spannende, komplexe Welt mit vielen starken Charakteren geschaffen und etliche Szenen verlangten starke Nerven. Für mich ein wahres Leseabenteuer!

4) Iss mich, trink mich: Lieber dicke oder dünne Bücher?

Obwohl es so manches schmale Büchlein gibt, das mehr zu erzählen und im Leser zu bewegen vermag als ein 500-Seiten-Wälzer, bevorzuge ich insgesamt doch die dicken Romane. Je länger ich Charaktere begleiten und ihre Welten erkunden kann, desto stärker bleiben sie mir nach der Lektüre im Gedächtnis. Auch mache ich bei Büchern von 500 oder 1.000 Seiten viel mehr durch (sowohl hinsichtlich Emotionen als auch in Bezug auf die inhaltliche Auseinandersetzung), wodurch ich eine engere Bindung zu diesen Werken und ihren Protagonisten aufbaue. Beste Beispiele hierfür sind Tolstois „Krieg und Frieden“, Victor Hugos „Les Misérables“ oder Stephen Kings Romane.

Jean Valjean

Jean Valjean; Illustration von Gustave Brion für die Originalausgabe von Victor Hugos „Les Misérables“ (Public domain, via Wikimedia Commons)

5) Die Herzkönigin: Lieber Helden oder Anti-Helden?

Ganz klar: Anti-Helden. Perfekte (oder vermeintlich perfekte) Charaktere oder jene, die einfach den gängigen Vorstellungen von „normal“ oder „erstrebenswert“ entsprechen, langweilen mich – im realen Leben ebenso wie in Literatur, Film und Fernsehen. Ich mag Figuren mit Macken, mit Schwächen, die nicht immer alles richtig machen und nicht immer die Über-Vorbilder sind. Das ist einer der (vielen) Gründe, weshalb ich den Oz-Spin-Off „Wicked“ von Gregory Maguire so liebe: Hier gibt es keine klassischen Helden, sonder nur Anti-Helden und Antagonisten. Elphaba und Glinda stellen dabei für mich zwei besondere, fast schon extreme Formen der Anti-Helden dar – die eine ist bereits auf den ersten Blick die Anti-Heldin schlechthin, die andere wird erst nach besserem Kennenlernen als Anti-Heldin wahrnehmbar. Im Bereich der literarischen Klassiker habe ich Jean Valjean aus „Les Misérables“ und Peter aus „Krieg und Frieden“ in mein Herz geschlossen, aber auch Kapitän Nemo aus „20.000 Meilen unter dem Meer“, wenngleich dieser sicherlich nur begrenzt als Anti-„Held“ zu sehen ist.

6) Wunderland: Lieber Fantasywelten oder die reale Welt?

Ich schätze sowohl die reale Welt als auch fantastische Welten. Beide haben ihre Vorzüge und Nachteile und in beiden lassen sich ganz unterschiedliche Dinge erleben. Ich liebe es, mit Bastian, Atréju, Urgl und Engywuck durch Phantásien zu reisen, mit dem verrückten Hutmacher und der Grinsekatze absurd und verrückt zu werden, mir mit Peter Pan und Tinkerbell in Neverland das Kindsein zu bewahren oder mit Echo, Rumo und Hildegunst von Mythenmetz zamonische Abenteuer zu bestehen. Genauso schätze ich aber auch die Bücher, die in der realen Welt spielen und sich mit Themen oder Ereignissen auseinandersetzen, die es so tatsächlich gibt bzw. gegeben hat und die auf diese Weise helfen, unsere Welt mit all ihrem Irrsinn, aber auch ihren eigenen kleinen Wundern (be)greifbar zu machen.

7) Der Jabberwocky: Kannst du laut lesen oder lieber leise?

In der Schule habe ich mich früher oft freiwillig zum Vorlesen von Klassenlektüre gemeldet. Das lag allerdings nur daran, dass mir der Großteil der Mitschüler zu langsam und stockend vorgelesen hat, wodurch ich 1. nichts mehr von der Geschichte mitbekam, da es gefühlt eine Minute dauerte, bis ein einfacher Satz beendet wurde, und ich mich 2. schnell langweilte.

Noch heute tue ich mich schwer damit, wenn mir jemand etwas vorliest, zum Beispiel einen Ausschnitt aus einem Artikel oder einen Absatz einer Facharbeit. Sofern es sich nicht um eine professionelle Lesung mit im Vorlesen erfahrenen Personen handelt, kommt in meinem Kopf einfach nichts an Inhalt an. Das gilt jedoch auch, wenn ich selbst etwas laut lese. Um Texte wirklich zu erfassen und mein Kopfkino anzuschalten, muss ich daher für mich allein und leise lesen.

8) Tweedledee und Tweedledum: Wenn du zwei oder mehr Bücher liest, gibst du einem den Vorzug?

Mehrere Bücher parallel zu lesen, ist für mich in den letzten Jahren zum Alltag geworden (zeitweise waren es zehn Bücher auf dem Lesetisch). Ob ich dabei immer einem Buch den Vorzug gebe? Jain. Bewusst eigentlich nicht – je nach aktueller Leselaune lese ich mal in diesem und mal in jenem Buch. Dass ich eines der aktuellen Bücher bevorzugt zur Hand nehme, trifft nur dann ein, wenn es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, wenn ich das Buch im Rahmen einer Leserunde lese oder wenn ich bei diesem Buch kurz vorm Ende bin.

9) Pool of Tears: Gibt es ein Buch, das dich schockiert oder zum Weinen gebracht hat?

How It Went DownDa ich häufiger Bücher mit ernsten Inhalten lese, zum Beispiel Geschichten, die den Holocaust thematisieren, erlebe ich es regelmäßiger, dass mich Bücher fassungslos zurücklassen. So richtig aufgewühlt hat mich zuletzt „How It Went Down“ von Kekla Magoon, das den Mord an einem afro-amerikanischen Jugendlichen und der damit verbundenen Voreingenommenheit seitens Medien, Polizei und Politik, aber auch die Auswirkungen auf Familie, Freunde und Nachbarschaft aufgreift. Für mich bisher das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe und vor dem Hintergrund der jüngsten rassistisch motivierten Gewalttaten in den USA auch verdammt aktuell und wichtig. So schmerzhaft und nahegehend wie „How It Went Down“ war für mich zuvor übrigens nur „Lucky“ von Alice Sebold, in dem die Autorin des internationalen Bestsellers „The Lovely Bones“ („In meinem Himmel“) die Geschichte und die Folgen ihrer eigenen Vergewaltigung schildert.


Liebe Kati, ich danke dir fürs Taggen! Bei manchen Fragen musste ich wirklich kurz überlegen und vermutlich fallen mir später noch andere Beispiele zu dem ein oder anderen Punkt ein.

Da ich den von Alice im Wunderland inspirierten Tag so interessant und abwechslungsreich finde, würde ich mich freuen, wenn auch andere auf diesem Wege mehr über sich und ihr Lesen verraten würden. Vielleicht haben dazu ja folgende Bloggerkolleginnen Lust?:

♠ Lena von Büchernest

♣ Kerstin von Wörterkatze

♥ Steffi von Miss Booleana

♦ Mareike von Mareikes Bücher

Doch natürlich ist jeder, der Gefallen an dem Stöckchen gefunden hat, herzlich dazu eingeladen, sich unserer Teegesellschaft anzuschließen und die Fragen aufzugreifen.