BBC_War and PeaceIhr erinnert euch: Im vergangenen Jahr lasen Ute von buchstapelweise alias @papercuts1, Ute alias @_Liedie und ich Lew Tolstois „Krieg und Frieden“ und teilten mit euch unser Leseerlebnis über den Hashtag #TeamTolstoi.

Die BBC hat Tolstois Klassiker unlängst unter der Regie von Tom Harper („Misfits“) als sechsteilige Miniserie neu verfilmt – mit hochkarätiger Besetzung: Wir sehen Paul Dano („Prisoners“, „12 Years a Slave“, „Little Miss Sunshine“) als leading actor in der Rolle des Peter Besuchow und „Akte X“-Agent Scully Gillian Anderson als Anna Pawlowna Scherer. Die jeweils einstündigen Episoden wurden zwischen dem 3. Januar und 7. Februar 2016 erstmals ausgestrahlt. Natürlich nur in UK. Da zu einer potenziellen Ausstrahlung im deutschen Fernsehen bislang keine Informationen vorliegen und man die DVD/ Blu-ray nicht in deutschen Shops erhalten konnte, habe ich mir die Staffel spontan aus dem Vereinigten Königreich liefern lassen. In der Woche, die „War & Peace“ nun in meinem Besitz ist, habe ich alle 6 Episoden bereits zweimal angesehen, jeweils in Binge Watching Sessions.

Ich hatte mich lange auf das Wiedersehen mit Peter Besuchow, den Rostows und Bolkonskis gefreut und wurde von der BBC-Produktion keineswegs enttäuscht – im Gegenteil: Der Abschied der lieb gewonnenen Charaktere fiel mir selbst nach dem zweiten Anschauen schwer und die gemeinsame Zeit hat mich aufgewühlt. Wie schon nach der Lektüre von Tolstois Roman fiel es mir auch nach den audiovisuellen Eindrücken schwer, abzuschließen und den Kopf frei für andere Geschichten zu bekommen. Wieder war da dieses Gefühl, dass die Zeit mit Peter & Co. doch nicht einfach so vorbei sein kann und ich Abschied von all den liebgewonnenen Figuren nehmen soll. Das gilt besonders für Peter. Er war bereits in Tolstois Roman mein Lieblingscharakter. Doch wie nun der hochtalentierte, vielseitige Paul Dano Peter Besuchow verkörpert, ließ mich die Figur noch mehr ins Herz schließen. Allein wegen seiner Rolleninterpretation lohnt es sich, BBC’s „War & Peace“ zu sehen! Paul Dano ist ein so unbedarfter, herzensguter und zutiefst aufrichtiger Peter, dass man ihn einfach nur lieben muss und ihn vor allem Bösen beschützen möchte – vor allem vor der hinterlistigen, promiskuitiven Helene Kuragin, der man dank der hervorragende Besetzung durch Tuppence Middleton schon vom ersten Auftritt an ansieht, welche Art Frau sie ist. Und doch: Als Helene später an ihrer unehelichen Schwangerschaft verzweifelt, von Russlands High Society verstoßen wird und nach einem Abtreibungsversuch blutüberströmt daliegt, entwickelte ich doch ein wenig Mitleid mit ihr. Das ist Tolstoi in seinem Roman damals nicht gelungen. Gleiches gilt übrigens auch für Helenes Bruder Anatol (Callum Turner), dessen Womanizer-Art ich sowohl im Roman als auch in der Verfilmung widerlich fand, dessen Schicksal mich in der Serie aber deutlich mehr berührte als in der literarischen Vorlage. Das spricht eindeutig für die Besetzung der Produktion. Aber vielleicht habe ich mich auch nur zu sehr von Tolstois gutmütigen Charakteren anstecken lassen, die ständig irgendwem – selbst ihren Erzfeinden – alles vergeben?!

Was mir die TV-Adaption von Tolstois Stoff erneut vor Augen führte, ist der Einfluss von Regie und Cast auf die Eindrücke, die man von Figuren bekommt. So fand ich Lily James als sich ständig Hals über Kopf verliebende Natascha nicht annähernd so nervig wie in der literarischen Vorlage. Allerdings gab es auch die ein oder andere Stelle, in der Lily James‘ Spiel ein wenig zu naiv und unoriginell war, so mancher Blick wirkte zu aufgesetzt und dadurch arrogant und oberflächlich. Jessie Buckley als Marja Bolkonskaja hingegen konnte mich zwar durchgehend überzeugen – vor allem Marjas Wandel von der jungen verschüchterten Frau, die zeitweise unter den Launen ihres Vaters zu zerbrechen droht, hin zu einer starken, selbstbewussten Persönlichkeit, die auch in der Katastrophe Ruhe bewahrt, ist Jessie Buckley grandios gelungen. Doch entwickelte ich für „ihre“ Marja nicht so viel Mitgefühl wie für Tolstois Romanfigur. Ihr Bruder Andrej wird in der BBC-Produktion von James Norton verkörpert. Norton ist ein gutaussehender Andrej, aber auch nicht viel mehr. Er wirkt über alle Episoden hinweg ziemlich unterkühlt (da deckt sich mein Eindruck mit jenem von Nikolai Rostow 😉 ) und ich fand keinen Zugang zu diesem Andrej. Schon im Roman konnte ich viele Handlungen und Entscheidungen Andrejs nicht gutheißen, schloss ihn als Charakter aber trotzdem in mein Herz; in der Serienproduktion nun konnte ich in Andrej jedoch nichts weiter sehen als einen kurzsichtigen Egoisten und sein Tod berührte mich weit weniger als die Schicksale der Kuragin-Geschwister.

Gekonnt in Szene gesetzt hat die BBC-Produktion dagegen die Nebencharaktere: Aneurin Barnard ist ein markanter, im Gedächtnis bleibender Boris, der für mich dank der Serie endlich mehr ist als nur Nataschas erste jugendliche Schwärmerei; Dolochow (Tom Burke), Mademoiselle Bourienne (Olivia Ross) und Sonja Rostowa (Aisling Loftus) wurden für mich greifbarer, haben quasi ein Gesicht bekommen und wurden zu eigenständigen Persönlichkeiten. Besonders gefiel mir jedoch, dass die Elterngeneration nicht im Schatten der Geschichten ihrer Kinder stand, sondern ausreichend Raum und Individualität erhielt. Vor allem Adrian Edmondson als Nataschas und Nikolais Vater Ilja Rostow wird mir durch seine Lebensfreude noch lange in guter Erinnerung bleiben. Zu meinem Lieblingscharakter – nach Peter Besuchow – avancierte in der BBC-Produktion aber Nikolai Rostow. Während er in Tolstois Roman erst im letzten Drittel intensiver in mein Bewusstsein rückte, hat Jack Lowden ihm von Anfang an zu einem starken Charakter ausgebaut. Jack Lowdens Nikolai weiß, was er will, steht zu seinen Entscheidungen und ist bereit, ohne zu zögern allen Widerständen und Widersachern zu trotzen, ist zugleich aber gutherzig, ein wahrer Familienmensch und stellt eine Liebesheirat über eine Zweckehe. Die Anzahl der Szenen mit Nikolai übertrifft zudem die Häufigkeit und Länge, die die Produktion Andrej zur Verfügung stellt. Diese Kombination aus häufigeren Begegnungen und einem vielschichtigeren Charakter verleiht Nikolai in der BBC-Serie den Status eines Hauptcharakters, während Andrej eher zu einem Nebencharakter verkommt – im Vergleich zum Roman finden wir also vertauschte Rollen vor.

Abgesehen von der überwiegend gelungenen Besetzung überzeugt „War & Peace“ vor allem durch seine imposanten Bilder. Licht, Bildausschnitte und Perspektiven sind perfekt gewählt und ausbalanciert. Alles wirkt unglaublich harmonisch, natürlich und doch bedeutungsschwanger. Zu den gelungensten Stellen zählen unter anderem eine Sequenz, die Andrej und Peter auf einem Hügel im Sonnenuntergang zeigt, wir blicken aus der Froschperspektive auf diese beiden Männer, auf die das violette Abendlicht von hinten scheint, sodass wir sie nur als unscheinbare schwarze Figuren in der Weite und Leere der Natur sehen – der einzelne Mensch ist und bleibt winzig in Relation zur Welt. Regelrechte visuelle Kunst ist aber die Kamerafahrt, die gleich zu Beginn der ersten Episode eingesetzt wird: Wie ein Gast auf dem High Society-Empfang bewegt sich die Kamera durch den großen Saal, fährt von einem Personengrüppchen zum nächsten, verweilt hier und da kurz, lauscht den Gesprächen und schlendert dann weiter. Dabei kommt die Szene mit einer äußert geringen Schnittzahl aus, wirkt aber trotzdem äußerst lebendig, ja vermutlich sogar lebendiger als wenn jeder Personenkreis einfach durch harte Schnitte aneinandergereiht wäre. Durch die lange, komplexe Kamerafahrt fühlt es sich für uns Zuschauer an, als lotse uns Anna Pawlowna Scherer durch den Raum und gäbe uns einen Crashkurs in das Who’s Who der russischen Oberschicht. Tom Harper und Drehbuchautor Andrew Davies haben dabei zu einer riskanten, aber sehr cleveren dramaturgischen Taktik gegriffen: Die ganze Einführung der wichtigsten Charaktere und ihrer Motivationen, die sich bei Tolstois Roman über hunderte Seiten und verschiedene Zeiten und Orte erstreckt, bündelt die erste Episode in eine einzige Szene, die das Gros der Figuren an einem Ort zusammentreffen lässt. Beim ersten Sehen der Folge wirkte das auf mich zunächst unruhig, gleichzeitig entlockte es mir aber auch ein Staunen, weil von Beginn an in einer Handvoll Minuten deutlich wird, wer zu den Intriganten zählt, welche Motive Andrej in den Krieg ziehen lassen und welch innerer Zwiespalt in Peter wütet.

Ebenso opulent wie die Bilder kommt der Soundtrack daher. Für „War & Peace“ wurde auf ein Orchester zurückgegriffen, das Zeitgeist und Stimmung perfekt einfängt. Gleichzeitig wird die Musik aber nie aufdringlich, spielt sich nie in den Vordergrund, sondern akzentuiert ausschließlich das Visuelle, sodass Bild und Ton stets in stimmigem Gleichgewicht stehen.

Doch wie steht es um die Inhalte aus Tolstois Roman in der Adaption?

Wirklich vermisst habe ich nur wenige Dinge in der BBC-Produktion: Zum einen kommt das Duell zwischen Peter und Dolochow nicht annähernd so dramatisch rüber wie im Roman (welch immense Sogwirkung diese Szene ursprünglich hatte!), zum anderen spielen Napoleon und Zar Alexander eine sehr untergeordnete Rolle. Auch die im Roman vorkommende groteske Komik auf dem Schlachtfeld, die mit der Planlosigkeit in den Truppen einhergeht, fehlt in der Adaption – was aber verkraftbar ist, da die ernste Botschaft der Geschichte und die Brutalität des Krieges ansonsten vielleicht verloren gegangen wäre. Enttäuscht bin ich jedoch, dass in der Serie das Ereignis fehlt, das mich beim Lesen am meisten bestürzte, nämlich die Szene, in der Graf Rostoptschin, Gouverneur Moskaus, das Volk zum Mord an einem politischen Gefangenen aufhetzt und die Bürger hinterher das Geschehen beklagen, aber jegliche Schuld von sich weisen. Es ist schade, dass sich dieser Moment nicht in der Serie wiederfindet, auch wenn die Produktion hinsichtlich der Darstellung des Krieges grausam und intensiv genug ist.

Abgesehen davon werden etliche Aspekte rund um Gesellschaft, Religion und Politik nicht aufgegriffen oder lediglich kurz angerissen. Das ist aber einerseits dem Medium selbst geschuldet (wie viele würden schon einen Film oder eine Serie sehen, in der lang und breit über Politik und Ethik sinniert würde?), andererseits ist es einfach unmöglich, die Tiefe und Vielfalt der Themen, die Tolstoi in seinem epochalen Werk abhandelt, in einer sechsstündigen Serie abzudecken. Zu einer reinen Kostümserie oder einem bloßen Historiendrama verkommt BBC’s „War & Peace“ aber zum Glück nicht. Aufstieg und Fall in den oberen Gesellschaftsschichten, die Bedeutung der persönlichen Reputation für das eigene Schicksal und die Tragweite einzelner Entscheidungen sind handlungsleitend in der Serie. Mit jeder weiteren Episode rückt zudem die Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges stärker in den Fokus. „War & Peace“ macht mehr als deutlich, dass in den Krieg zu ziehen nichts Heldenhaftes, Mutiges oder Männliches ist. Die BBC-Produktion fasst ihre Zuschauer daher auch nicht mit Samthandschuhen an: Wir sehen zweigeteilte Körper, vor Blut triefende, leere Augenhöhlen, Leichenberge auf dem Schlachtfeld, ein zielloses Abstechen und Draufhauen – und wir müssen aus nächster Nähe ansehen, wie Anatol bei vollem Bewusstsein das Bein abgesägt wird, was mir eine mehrere Minuten anhaltende Übelkeit bescherte. Die Botschaft ist klar: Krieg ist nichts, was Sinn oder Verstand folgt, sondern bloßes Töten und Getötet-Werden, es ist ein bestialisches Abschlachten, die Kämpfer sind nur Marionetten der Machthaber und nie – wirklich nie – kann aus Krieg etwas Positives hervorgehen. Gutes und Glück im Leben zu erfahren – das liegt allein der Hand des Einzelnen. Jeder kann etwas bewirken, etwas verändern, aber dazu muss und darf er nicht auf das Schlachtfeld, sondern im direkten Umfeld aktiv sein. Wie Peter muss man das Leben in all seinen Facetten würdigen, dankbar sein für das, was es einem darbietet und auch die einfachen, kleinen Wunder der Welt zu schätzen wissen.

 Quote_BBC_War and Peace