Es ist vorbei. Rund ein halbes Jahr lasen Ute von buchstapelweise alias @papercuts1, Ute alias @Liedie40 und ich Lew Tolstois „Krieg und Frieden“ und teilten mit euch unser Leseerleben über den Hashtag #TeamTolstoi.

Die letzten Seiten (die in der Tat mehrere Hundert gewesen sind) haben es in sich. Tolstoi hat sämtliche Schicksalsfäden noch einmal neu gewebt, ist dabei alles andere als zimperlich mit seinen Figuren gewesen und hat uns drei Leserinnen auf eine erneute, steile Gefühlsachterbahn mitgenommen. Wir haben um Peter/Pierre und Andree/Andrej gebangt, für Natalie/Natascha und Marie/Maria gehofft.

 

Wir begleiten Napoleon in das von ihm eroberte Moskau, das von seinen Bewohnern fast vollständig verlassen wurde. Derweil wächst in unserem Peter der Übermut heran, denn er hat sich kein geringeres Ziel gesetzt, als Russland von Napoleon zu erlösen:

 

Die Armeen selbst wissen dagegen nicht so recht, was sie überhaupt tun sollen:

 

Nahezu omnipräsent im letzten Viertel ist der Tod. Gleich mehrere Charaktere scheiden in kurzer Zeit dahin. Bei manchen fällt der Abschied schwer …

 

… bei anderen dagegen überhaupt nicht:

 

Neben den Toden der Haupt- und Nebencharaktere sind da aber auch Schicksale der russischen Gefangenen, die von der französischen Armee erschossen werden, sobald sie durch Erschöpfung oder Krankheit nicht mehr laufen können. Auf russischer Seite zeigen sich die Obrigkeiten gleichermaßen kaltherzig. Ein politischer Gefangener wird vor versammeltem Volk als Verräter und alleiniger Schuldtragender an der Niederlage Russlands hingestellt, das Volk bewusst aufgewiegelt und dazu angestiftet, ihn umzubringen. Schockierend ist dabei nicht nur das Vorgehen an sich, sondern auch, wie leicht sich die Menschenmasse zu diesem Mord verleiten lässt – es gibt kein Hinterfragen, kein Zögern. Und wie so oft in der Geschichte der Menschheit zeigt hinterher jeder großes Bedauern, weist zugleich aber sämtliche Schuld von sich und sieht allein die anderen als Täter.

 

Für mich war diese Szene die einprägsamste und am meisten aufwühlende im ganzen Buch. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier nicht um reine Fiktion handelt und ein derartiges Geschehen nicht nur unter gewissen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch heute noch vorstellbar ist, sondern mancherorts in der Tat wieder und wieder geschieht. Tolstois Bücher sind eben zeitlos und Tolstoi beweist in ihnen eine allumfassende Betrachtung des Weltgeschehens, die sich zu Teilen 1:1 auf die Gegenwart übertragen lässt. Das gilt für die schwierigen, komplexen Themen wie Krieg ebenso wie für jene, mit denen sich früher oder später jeder auseinandersetzen muss, d.h. Liebe und Tod:

 

Wie fühlt es sich nun an, nach so vielen Monaten ein rund 2.000 Seiten umfassendes Werk, dessen Handlung mehrere Familien und Jahre umspannt, zu beenden? Eigenartig. Tolstois Bücher lassen sich kaum mit anderen Büchern vergleichen. Sie machen es dem Leser nicht immer leicht, fordern Zeit und Konzentration, aber sie entwickeln auch immer eine ganz eigene Sogwirkung, breiten vor dem Leser großzügig eine ganze Epoche aus, lassen ihn buchstäblich die gesamte Politik und Gesellschaft von hundert Blickpunkten aus betrachten und hinterfragen, stecken gleichzeitig aber voller Herz und gelegentlich auch Weltschmerz. Mir sind Peter, Andree, Rostow und Marie wie gute Freunde geworden und als ich den letzten Satz von Tolstois epochalem Werk beendete, war das ein regelrecht surrealer Moment. Plötzlich nicht mehr mit Peter und den anderen um Leben und Tod bangen, Liebe und Hass fühlen? Nicht mehr in Tolstois Welt verweilen? Das erschien mir unvorstellbar und nach dem Ende von „Krieg und Frieden“ hatte ich den größten Book Hangover meines Lebens. Eine Woche lang konnte ich NICHTS, also wirklich GAR NICHTS, lesen; Herz und Kopf hingen noch im Russland des 19. Jahrhunderts fest; ich war wie gefangen in einer Endlosschleife, in der sich Tolstois Geschichte immer wieder vor meinem geistigen Auge abspielte. Irgendwann merkte ich: Auch wenn ich mich in nächster Zeit anderen Büchern widmen möchte und muss, kann ich doch nicht ganz ohne Tolstoi auskommen. Das gemeinsame Lesen mit den beiden Utes wird nicht meine letzte Begegnung mit „Krieg und Frieden“ geblieben sein. Denn Tobi von Lesestunden hat mich neugierig auf die Urfassung des Romans gemacht, die sich in so manchen Teilen unterscheidet. Bis ich mich dieser widme, begleiten mich die Briefe, die sich Lew und seine Frau Sofja schrieben. Ich genieße sie in kleinen Dosen, mache Tolstoi so zu einem Teil meines Alltags und bin immer fasziniert davon, wie schmal die Grenzen zwischen Tolstois Prosa und seiner Lebenswirklichkeit verliefen, wie viel Zeit, Mühe und Nerven das Ehepaar Tolstoi vor allem in „Krieg und Frieden“ steckte. Und so verneige ich mich abschließend vor einem der größten Meister der Schriftstellerei, erfüllt von Dankbarkeit für die wieder und wieder einzigartigen, intensiven Lesemomente. Спасибо, Лев!

Aber ich bedanke ich mich auch bei den beiden Utes, mit denen das gemeinsame Lesen viel Spaß machte und die mich stets neu motivierten, die langatmigen Schlachtfeldszenen durchzustehen. Ich freue mich auf unser nächstes Klassiker-Lesen!

Leo Tolstoi: „Krieg und Frieden“, aus dem Russischen übersetzt von L. Albert Hauff, Null Papier 2015, ISBN: 978-3-95418-170-4 (Kindle), 978-3-95418-171-1 (Epub), 978-3-95418-172-8 (PDF)