Vor einigen Tagen hatte ich euch berichtet, dass ich gemeinsam mit Ute von Buchstapelweise alias @papercuts1 sowie Ute alias@Liedie40 Lew Tolstois „Krieg und Frieden“ lesen werde. Während die beiden Utes etwas früher mit dem Lesen beginnen konnten, habe ich seit meinem Lesestart am 19. Januar bereits aufgeholt, sodass wir drei inzwischen immer etwa gleichauf sind, was für den gemeinsamen Austausch natürlich sehr von Vorteil (wenn nicht gar notwendig) ist.

Was mir ziemlich schnell bei unserem Leseprojekt auffiel: Ich gehe mit viel mehr Motivation heran. Als ich vor ein paar Jahren „Anna Karenina“ las, saß ich an diesem Wälzer rund ein halbes Jahr. Zwar hatte ich damals die zweite Hälfte des Buches verschlungen, bei der ersten Hälfte war ich aber noch sehr träge – immer wieder ließ ich mich von anderen Büchern ablenken und machte somit teils monatelange Lesepausen. Bei „Krieg und Frieden“ ziehe ich nun deutlich straffer durch und freue mich auf das abendliche Lesen. Das liegt einerseits daran, dass ich natürlich nicht zu sehr hinter Ute und Ute hinterherhängen möchte, andererseits daran, dass der Austausch via Twitter Spaß macht.

Diesen Dienstag, also nach neun Tagen im #TeamTolstoi, habe ich exakt das erste Viertel (an der Seitenzahl gemessen – der Kindle ist da eine gute Hilfe) beendet. In diesem Viertel war bereits so einiges los, wobei ich es sechs Stunden im Zug zu verdanken habe, dass ich das meiste bereits an meinem ersten Lesetag erlebte:

Wie in „Anna Karenina“ so gibt es auch in „Krieg und Frieden“ eine Vielzahl an Handlungssträngen und nicht immer finden sich im Buch nur Episoden, die für den Handlungsverlauf entscheidend sind. Vielmehr sind beide Romane detaillierte Porträts der russischen Gesellschaft bzw. des russischen Adels des 19. Jahrhunderts: Es gibt viel Alltägliches, Nebensächliches, Beobachtungen und Erörterungen zu Grundsatzfragen. Was dem ein oder anderen Leser sicher zu ausschweifend sein könnte (und in modernen Romanen wohl radikal im Lektorat rausgestrichen würde), finde ich besonders gut, da es die Geschichten realer macht, denn auch im wirklichen Leben ist nicht immer alles nur auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet, sondern jeder lebt sein Leben in allen Facetten und geht zum Teil überflüssigen, aber nicht oder nur schwer vermeidbaren Tätigkeiten nach.

Daneben gibt es in „Krieg und Frieden“ auch viele Themen und Elemente, die mir schon in „Anna Karenina“ begegnet sind wie z.B. Eheschließungen, Feste, Gesellschaften oder auch kapitellange Schilderungen, wie ein Charakter nach langer Krankheit und in Anwesenheit seiner Angehörigen verstirbt.

Wozu ich in „Krieg und Frieden“ bislang noch keinen rechten Zugang gefunden habe, sind die Szenen rund um die Schlachten zwischen den russischen und französischen Armeen. Natürlich lässt sich das bei einem Buch mit dem Wort „Krieg“ im Titel nicht vermeiden, aber wer was wann wo ausführt, wer wem welchen Befehl erteilt und was die Generäle und Offiziere bezüglich ihrer Taktiken besprechen, kann mich einfach nicht sehr fesseln. Da Tolstoi sich den Schlachtschilderungen gleich für mehrere Kapitel hintereinander widmet, empfand ich diese Szenen bislang als recht ermüdend und meine Gedanken schweiften ständig ab. Entsprechend freu ich mich immer, wenn ich zu den Ereignissen jenseits des Schlachtgetümmels zurückkehren kann.

Hinzu kommt, dass die Kriegsereignisse und Verhaltsweisen der Militärs, nun ja, etwas unbedacht erscheinen, was gelegentlich (unfreiwillig?) komisch wirkt:

Und dennoch scheint dieses Kriegschaos für die Männer im Buch eine Faszination auszuüben. Die Herren wollen mehr sein als nur Ehemann, Adliger, wollen mehr Action als sie auf den feinen Gesellschaften erleben und streben nach Ruhm und Ehre.

Ich selbst kann mich da eher für das Zwischenmenschliche erwärmen – und davon gibt es eine Menge! Wir haben eine Verlobung, die nicht nach Plan verläuft (wenn Peter zu lange überlegt, ob er einen Antrag machen soll und deshalb die Verwandten einfach so tun, als wäre der Antrag bereits gemacht und dem Paar gratulieren), ein Dreiecks-Drama, ein bemitleidenswertes hässliches Entlein, Kleinjungen-Streiche durchgeführt von erwachsenen (aber nicht zwangsläufig reifen) Männern, Tratsch, Verkupplungsversuche, Karrieren, die nur dank Vitamin B zustandekommen, Heuchelei und vieles, vieles mehr. Langeweile kommt in „Krieg und Frieden“ wahrlich nicht auf.

Derart viele Ereignissen erfordern natürlich auch eine Vielzahl an Charakteren und ich muss gestehen, dass ich bei den Verwandtschaftsverhältnissen noch nicht überall durchblicke und bei der alleinigen Nennung eines Nachnamens manchmal überlegen muss, wer denn da gerade gemeint ist. Folglich hat es auch lange gedauert, bis ich meine Lieblinge gefunden habe. Inzwischen habe ich Peter jedoch sehr ins Herz geschlossen, weil er im Vergleich zum übrigen Adel erfrischend normal, unbeholfen und natürlich ist. Aber auch Marie, deren wenig attraktives Äußeres nicht nur Tolstoi, sondern auch ihr eigener Vater immer wieder hervorhebt, habe ich bereits liebgewonnen und bei dem schlechten Los, dass das Leben ihr zuteil werden ließ, möchte man sie einfach nur in dem Arm nehmen, trösten und vor dem Bösen in dieser Welt beschützen.

Doch nicht alles in „Krieg und Frieden“ ist nur Herzschmerz, Krieg, Klatsch und Drama. Auch Humor beweist der gute, alte Herr Tolstoi immer wieder, beispielsweise wenn ein erwachsener Mann aus Angst vor dem potenziell zukünftigen Schwiegervater am liebsten die Flucht ergreifen möchte oder man auf Verhaltsweisen stößt, die sich auch heute – rund zwei Jahrhunderte später – immer wieder finden lassen.

Nicht zuletzt steckt „Krieg und Frieden“ natürlich auch voll zeitloser Weisheiten:

“ ‚Wenn man sich nur für seine Überzeugungen schlagen würde‘, sagte er, ’so gäbe es keinen Krieg mehr.‘ ‚Und das wäre vortrefflich‘, erwiderte Peter.“

(Leo Tolstoi: „Krieg und Frieden“, Null Papier Verlag 2012, Kindle E-Book-Location 716)

Nachdem bereits das erste Viertel des Buches so vielseitig und komplex war, bin ich umso gespannter, was sich der werte Lew Tolstoi für die noch bevorstehenden drei Viertel wohl noch so alles überlegt hat (untersteht euch, in den Kommentaren zu spoilern 😉 ). Wenn ihr die literarische Russlandreise von Ute, Ute und mir weiterverfolgen wollt, müsst ihr nur nach dem #TeamTolstoi-Gezwitscher lauschen.