Ein Frühling in TschernobylEs gibt sie in jeder Generation: Die Katastrophen, die die ganze Welt für eine Zeit lang aus dem Gleichgewicht bringen, die sie still stehen lassen, den Menschen den Atem rauben und uns stunden-, ja, gar tagelang gebannt vor Fernseher, Radio und Internet sitzen lassen. Für uns in den 1980er oder 1990er Geborene (und gerne als „Generation Y“ betitelte) waren es 9/11 und Fukushima. Für die Generation vor uns die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Künstler Emmanuel Lepage und seine Freunde gehören zu jenen, die von den Ereignissen in der Ukraine geprägt wurden. 2008, 22 Jahre nach dem Nuklearunfall, starten Lepage und drei Freunde – ein Toningenieur und Fotograf, eine Musikerin sowie ein weiterer Zeichner – ein ungewöhnliches und vor allem auch riskantes Projekt: Sie wollen das heutige Tschernobyl und die angrenzende, kontaminierte Region dokumentieren.

Emmanuel Lepage lässt uns mit der Graphic Novel „Ein Frühling in Tschernobyl“ von Anfang bei diesem Projekt dabei sein. Mit der Zugreise in die Ukraine und bewegenden Auszügen aus Swetlana Alexijewitschs „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ hat Lepage seine Leser eigentlich schon nach den ersten zwei Seiten für seine grafische Dokumentation gewonnen – sofort ist man als Leser im Geschehen, mittendrin in Tschernobyl. Es folgen Rückblicke auf die Nuklearkatastrophe, auf die Reisevorbereitungen und schließlich der Aufenthalt in der kontaminierten Zone und den angrenzenden Gebieten. Auf den insgesamt 164 Seiten beweist Emmanuel Lepage dabei, dass er nicht nur ein grandioser Zeichner, sondern auch ein hervorragender Erzähler ist. Er zeigt, was er sieht und was er fühlt, er haucht seinen Bildern Leben ein; kein Wort, kein Element in den Bildern ist zu viel, keine Szene überflüssig. Fast überwiegend hält Lepage seine Bilder in Grau- und Sepiatönen – Farbe kommt selten, aber gezielt zum Einsatz, zum Beispiel bei den Warnzeichen an den Grenzen der kontaminierten Zone oder für das kommunistische Hammer-und-Sichel-Symbol, das stolz auf einem Gebäude der nun verlassenen, sich selbst überlassenen Stadt prangert.

Emmanuel Lepage fängt in seiner grafischen Dokumentation zudem Seiten der Tschernobyl-Katastrophe ein, die sonst keinerlei Öffentlichkeit finden. Wir alle kennen sie, die Bilder der durch die Strahlung gezeichneten Menschen, die Fotos von Kindern mit Missbildungen. Und wir alle wurden immer wieder mit Zahlen und Informationen überhäuft. Lepage tut nichts davon. Er konzentriert sich nicht auf Fakten, die das Geschehen sowieso nicht greifbar machen. Er stellt keine Strahlenopfer zur Schau. Stattdessen zeigt Lepage uns das heutige Tschernobyl. Wir reisen mit ihm in die kontaminierte Zone, in die einst modernen Städte, die früher voller Leben waren und nun sich selbst überlassen sind, sodass sich die Natur die Gegend zurückerobert. Lepages Bilder entführen in die Ortschaften, aus denen jedes Leben gewichen ist – nun ja, fast jedes: Denn noch immer leben ein paar Menschen in der Gegend um Tschernobyl, freiwillig und trotz der Strahlung, der sie täglich ausgesetzt sind. Einige von ihnen schmuggeln regelmäßig Metall aus der kontaminierten Zone – das dann in den Westen verkauft wird. Für so manchen Jugendlichen aus den Grenzgebieten indes stellt ein Ausflug nach Tschernobyl eine Art Initiationsritus dar.

Was „Ein Frühling in Tschernobyl“ besonders deutlich macht, ist jedoch der Widerspruch, der in und um Tschernobyl zu finden ist: Auf der einen Seite die toten Geisterstädte, auf der anderen Seite die blühende Natur, die von der Strahlung unberührt scheint.

„Ich hatte mir vorgestellt, schwarze Wälder, verkrüppelte, seltsame oder monströse Bäume zu zeichnen …

Ich hatte meine schwarze Kreide, meine dunkle Tinte, meine Kohle …

… Aber mir drängt sich die Farbe auf.“

(Emmanuel Lepage: „Ein Frühling in Tschernobyl“, Splitter 2013, S. 113)

Eine Zeit lang beschäftigt dieser Gegensatz Lepage sehr: Man erwartet von ihm, dass er Bilder mitbringt, die eine karge, triste Gegend zeichnen, keine idyllischen Landschaftsbilder. Doch der französische Künstler soll und will die Realität zeigen – dazu gehören auch die dichten, grünen Wälder und Wiesen.

„… Ich glaubte, mich mit der Gefahr des Todes zu konfrontieren …

… und es offenbart sich mir das Leben!“

(Emmanuel Lepage: „Ein Frühling in Tschernobyl“, Splitter 2013, S. 126)

Wie damals Lepage öffnet sich auch für den Leser eine Welt, mit der man nicht rechnet. Lepages Graphic Novel gelingt dadurch ein deutlich differenzierteres Bild, als dies bisherige Dokumentationen, Bücher und Filme vermochten. Als Leser dieser Graphic Novel ist man dabei dank der lebendigen Zeichnungen nicht außenstehender Beobachter, sondern man taucht ein, streift Seite an Seite mit Lepage durch die Gegend – und wenn die letzte Seite erreicht, der Buchdeckel zugeklappt ist, verabschiedet man sich nur unfreiwillig. Intuitiv hält man inne und wünscht sich, die Reise dauere länger.

Fazit:

Emmanuel Lepages „Ein Frühling in Tschernobyl“ ist eine unglaublich eindrucksvolle, lebendige, vielschichtige und packende Graphic Novel, die man als Leser nicht so schnell vergisst und die ich euch sehr ans Herz lege. Ein absolutes Muss für die heimische (Graphic Novel-)Bibliothek!