Böse GeisterAls Kind zog Harry Wallmann mit seiner Mutter nach Süddeutschland. Etwa 50 Jahre später zieht es ihn zurück in seine norddeutsche Heimat: Das Stadtviertel, in dem er einst lebte, soll abgerissen werden. Es soll eigentlich nur ein Abschied werden, ein letzter Blick auf den Ort seiner Kindheit.

Das Leben ist aus dem Viertel bereits gewichen. Peer Meter und Gerda Raidt schaffen es in ihrer Graphic Novel ohne viel Text und Details den Zerfall des Viertels aufzuzeigen. Panoramen der Straßen und die teilweise skizzenhaften Bleistiftzeichnungen zeigen geschlossene Cafés, graffitibeschmierte Häuser und mit Holzbrettern verriegelte Kneipen. In diesem Viertel hat sich seit Harrys Kindheit nichts verändert – die Zeit blieb stehen und ließ die Gegend verfallen. Die Panels zeigen das Sterben eines Stadtteils, wie es auch in vielen Kleinstädten immer häufiger auftritt und wie es Sänger Clueso in seinem Lied „Geisterstadt“ treffend beschreibt: Viertel, Stadtzentren oder gar ganze Orte, die leerer und trostloser werden und bei deren Verfall man zusehen kann. Moderne Geisterstädte, deren verblassende Farben, alte Plakate und Geschäftstafeln auch nach Jahrzehnten Zeugnis einst belebter Straßen ablegen. Es gibt diese Orte überall und so ist es passend, dass „Böse Geister“ nicht näher lokalisiert wird – auch wenn in Anbetracht von Peer Meters Heimatstadt und eines Verweises auf ein Hafenbecken schnell klar ist, dass die Handlung in Bremen angesiedelt ist. Sie könnte allerdings genauso gut in meiner sachsen-anhaltinischen Heimatstadt oder irgendwo anders in Deutschland spielen.

Peer Meter und Gerda Raidt verzichten nicht nur auf eine genauere Ortsangabe, sondern präzisieren auch die Zeit nicht näher. Ebenso wenig gibt es erläuternde Anmerkungen. Der Leser bezieht all seine Informationen aus den Dialogen und dem in den Bildern Dargestellten. Mehr braucht es auch gar nicht, da es Zeichnerin Gerda Raidt gelungen ist, alles relevante in den Comicpanels unterzubringen, um das Setting der Handlung zu identifizieren.

Als Protagonist Harry Wallmann bei seinem Wohnhaus ankommt, führt es ihn zuerst in die „Bücher-Börse“, die im Gebäude untergebracht war – ein An- und Verkauf für Bücher und Lesehefte. Durch Zufall findet er darin ein Exemplar der Comichefte, die er als Kind las: „Geschichten des Grauens“. Nur diese wollte der Junge in den 1950ern lesen – Science-Fiction oder „richtige Bücher“ interessierten ihn nicht, was ihm den Spitznamen „Gespenster-Harry“ einbrachte. Als Harry nun nach 50 Jahren das Bilderheft in seinen Händen hält, erinnert er sich seiner Kindheit, an positive wie negative Momente. Wir erfahren, welche Bedeutung die Comichefte für Harry hatten, was die Erwachsenen davon hielten und entsetzen uns über das herzlose Verhalten des Schuldirektors, der Harry völlig ungerührt und nebensächlich vor versammelte Klasse vom Tod des Vaters berichtet und dies als Anlass nimmt, um Harry zu besseren schulischen Leistungen zu ermahnen.

Peer Meter und Gerda Raidt erzählen ihre Geschichte auf eine ruhige Weise und lassen vorwiegend die Bilder für sich selbst sprechen – teilweise gibt es über mehrere Seiten keinen Text. Das macht „Böse Geister“ zu einer sehr atmosphärischen Graphic Novel. Die recht kurz gehaltene Erzählung endet jedoch viel zu früh. Ein paar Seiten und Erinnerungen mehr hätten das Buch perfekt gemacht.

Fazit:

Peer Meter und Gerda Raidt präsentieren mit ihrer Graphic Novel „Böse Geister“ eine leider viel zu kurze, aber voller Feingefühl erzählte Geschichte über das Wiedersehen mit Orten aus der Kindheit, über die Konfrontation mit Erinnerungen, aber auch über das Sterben von Städten, Vierteln und Ortschaften.