Zorgamazoo

“Hier ist eine Geschichte,
ein unglaubliches Stück.
Bevor es losgeht, lehn dich zurück.

Hol dir ‘ne Decke,
ein kuschliges Kissen.
Mach’s dir bequem.
Den Kakao nicht vergessen?”

(Robert Paul Weston: “Zorgamazoo”, Jacoby & Stuart 2012, S. 7)

Einer Einladung wie dieser kommt man nur allzu gerne nach und so machte ich es mir mit meinem Kakao im Bett gemütlich. Kurz darauf fand ich mich in der U-Bahn-Station wieder, wo ich Katrina Katrell kennenlernte. Katrina Katrell ist ein Mädchen, dass es nicht immer einfach hat, aber dennoch voller Lebensfreude und Mut steckt. Sie wächst ohne ihre Eltern auf. Verantwortlich für das Mädchen ist stattdessen die miesepetrige Mrs. Krabone, mit der sie irgendwie verwandt ist – „[…] Cousinen vierzigsten Grades vielleicht (auch wenn der Stammbaum so weit nicht reicht)“ (S.12). Krabby, wie die kleine Katrina ihre Erziehungsberechtigte nennt, ist leider so gar nicht verständnisvoll für – ja, für überhaupt irgendetwas. In Katrina sieht sie nichts als eine Last. Doch das kleine Mädchen lässt sich nicht unterkriegen und bleibt offen für die Freuden und Wunder der Welt. So entgehen ihr selbst die kleinsten Dinge nicht, die von den Erwachsenen immer übersehen werden, zum Beispiel dieses haarige Wesen mit Hörnern, das ihr eines Tages in der U-Bahn entgegenblickt. Dieses scheinbare Monster entpuppt sich als der Zorgel Mortimer Yorgel – Journalist und alles andere als abenteuerlustig. Dass die beiden gemeinsam in Gefahr geraten und zu engen Freunden werden, ahnen sie in diesem Augenblick jedoch noch nicht. Und auch von Zorgeln hat Katrina bisher noch nie gehört. Ihr vermutlich auch nicht. Zorgel sind trotz ihres zottigen Fells, den Hörnern auf dem Kopf und ihren Krallen gutmütige, sympathische Wesen, die im Untergrund leben, wo sie die gleichen Berufe ausüben wie wir Menschen oder ihrem liebsten Hobby nachgehen: dem Zorgelballspiel. Kurz nachdem unsere beiden Protagonisten in der U-Bahn einander zum ersten Mal begegnen, ist es jedoch vorerst vorbei mit dem unbeschwerten Alltag, den Mortimer Yorgel verlebt. Gerade er, der Abenteuern überhaupt nichts abgewinnen kann, soll herausfinden, wohin die Zorgel aus Zorgamazoo verschwunden sind, denn seit kurzem ist der Ort verlassen und niemand weiß, was aus den Bewohnern geworden ist. Da er keine Wahl hat, macht sich Reporter Mortimer auf den Weg. Bald darauf – ihr ahnt es schon – kreuzen sich die Wege von ihm und Katrina Katrell erneut. Ab sofort bestreiten sie gemeinsam die Suche nach den Zorgeln von Zorgamazoo. Die Abenteuer, die sie dabei erleben, werden zunehmend ungewöhnlicher und führen sie an einen Ort, welchem zu entrinnen unmöglich scheint.

„Zorgamazoo“ ist eine Geschichte, die für den Leser einige Skurrilitären bereit hält und mit unverwechselbaren Charakteren gespickt ist, die in all ihren Stärken, Macken und Eigenarten unterschiedlicher kaum sein könnten – und genau deshalb so gut miteinander funktionieren. Neben Zorgeln trifft der Leser dabei auch auf bekannte mystische, legendäre und religiöse Wesen wie Nixen, das Monster von Loch Ness oder Windigos. Am besten sind die Figuren im Miteinander – dann enstehen die amüsantesten Situationen und Unterhaltungen. Manche Momente und Charaktere stecken dabei voller großartiger Absurditäten, was „Zorgamazoo“ zu einer passenden Lektüre für jene macht, die ungewöhnliche Geschichten und Figuren lieben. Daneben hat Robert Paul Weston den ein oder anderen Seitenhieb auf die merkwürdige Spezies „Mensch“ eingebaut – als kleines Plädoyer für all das, was die meisten während des Erwachsenwerdens verlieren.

„Zorgamazoo“ kommt zudem mit einer wunderbaren optischen Aufmachung daher. Nicht nur gibt es viele Illustrationen des spanischen Zeichners Víctor Rivas, sondern auch diverse typografische Spielereien: Verschiedene Schriftarten und -größen kommen zum Einsatz, mal fett, mal kursiv oder mit Schatten versetzt, ein anderes Mal sucht sich die Schrift kreisförmige oder vertikale Wege, dann wiederum ziert nur ein Wort oder ein Satz eine ganze Seite, um so noch stärker zu wirken. „Zorgamazoo“ ist dadurch ein Genuss für jeden, der Bücher mit ungewöhnlichen Layouts und Typografien liebt. Was das Buch jedoch besonders macht, ist die schriftstellerische Umsetzung: Autor Robert Paul Weston spricht als Erzähler seine Leser direkt an und hat die komplette Geschichte in Reimform gefasst, was für einen einzigartigen Lesegenuss sorgt. Ich selbst wünschte mir hinterher mehr Bücher, die auf diese Weise geschrieben sind.

Fazit:

Obwohl für Kinder gedacht, hat Robert Paul Weston doch eine Geschichte geschrieben, die für Erwachsene mindestens ebenso empfehlenswert ist – wenn nicht sogar noch passender als für die jüngsten Leser! „Zorgamazoo“ ist dabei optisch, inhaltlich und stilistisch alles andere als „mainstream“. Ein Buch zum Wohlfühlen, Schmunzeln, Selbst-wiedererkennen und Genießen!

Übervorsichtige Eltern, die besonders wohlerzogene, unschuldige Kinder haben, seien jedoch an dieser Stelle vorgewarnt: Gelegentlich wird auch mal geflucht. 😉