v. l. n. r.: Michael Groenewald von REPRODUKT, Flix, Detlef Wienecke-Janz von wissenmedia/ Brockhaus, Ralf Keiser von Carlsen

v. l. n. r.: Michael Groenewald von REPRODUKT, Flix, Detlef Wienecke-Janz von wissenmedia/ Brockhaus, Ralf Keiser von Carlsen

Wie ich euch bereits in meinem Bericht zur Leipziger Buchmesse erzählte, fand am 14. März eine einstündige, informative und zugleich unterhaltsame Diskussion zum Thema „Weltliteratur in Graphic Novels – Klassiker für Lesefaule?“ statt. Organisiert wurde diese von den Verlagen REPRODUKT und Carlsen. Im Rahmen des Gesprächs erörterten der Zeichner Flix („Faust“, „Don Quijote“), Michael Groenewald von REPRODUKT, Ralf Keiser von Carlsen und Detlef Wienecke-Janz von wissenmedia/ Brockhaus die Potenziale und Hintergründe literarischer Klassiker in Comic-Form. Moderator Christian Schlüter von der Frankfurter Rundschau sprach in diesem Zusammenhang von der „Brockhausisierung des Comics“: Trotz des Titels „Graphic Novels“ bleiben die entsprechenden Werke Comics, doch haben sie den Sprung von den Kinder- und Nerd-Nischen in den Bereich der ernst zu nehmenden, anspruchsvollen Literatur geschafft, werden sogar als Schullektüre eingesetzt – auch wenn manche Comics mehr als Mittel zum Zwecke der literarischen Stoff-Vermittlung geschaffen werden, anstatt der eigentlichen Kreation eines literarischen und künstlerischen Werkes wegen. Daneben wurde auch der aktuelle Graphic Novel-Trend im Allgemeinen besprochen. Und wie es sich für eine richtige Diskussion gehört, waren die Teilnehmer nicht immer einer Meinung. Insbesondere Flix und Detlef Wienecke-Janz vertraten regelmäßig unterschiedliche Standpunkte, was dem Publikum differenzierte Sichtweisen auf die angesprochenen Aspekte lieferte. Hier die wesentlichen Punkte der Diskussion:

Graphic Novel vs. Comic?

Wie bereits oben erwähnt, sind Graphic Novels nichts anderes als Comics – wenn auch mit teils anderen Themen und etwas anderer Umsetzung, als man dies vielleicht von klassischen Comics kennt. Doch obwohl beide Bezeichnungen mehr oder weniger das gleiche meinen, suggerieren sie unterschiedliches. So betonte Ralf Keiser von Carlsen, dass Buchhändler (und auch Leser) in der Regel eher ablehnend reagieren, wenn von einem Comic gesprochen wird. Buchhändler würden den Ausschluss von Comics dabei meist damit begründen, dass derartige Formate „nicht funktionieren“ bzw. nicht interessieren würden. Wird ein Titel hingegen mit dem Begriff „Graphic Novel“ umworben, werden die gleichen Leute plötzlich neugierig und fragen, was das denn sei – es kommt zu einer Beschäftigung mit diesen Formaten ganz ohne die gängigen Klischees und Vorurteile, die das Wort „Comic“ mit sich bringt. Daher erfolgt – zumindest beim Herantreten an Buchhändler und Leser – eine Abgrenzung der Graphic Novel-Titel von den Comics. Michael Groenewald von REPRODUKT ist es hingegen wichtig, dass man Graphic Novels auch ganz klar als Comics benennt – gerade eben, um Comics von ihrem bisherigen Image zu befreien.

Warum nun Graphic Novels?

Wenn Graphic Novels nun Comics sind, warum hat man diese separate Bezeichnung eigentlich geschaffen bzw. was soll damit erreicht werden? Das ist ganz klar der gerade angesprochene Punkt von Michael Groenewald und etwas, worin sich die Diskussionsteilnehmer im Großen und Ganzen einig waren: Comics sind aktuell eher ein Nischenformat, das eine ganz spezielle Zielgruppe hat und fernab des herkömmlichen Buchhandels zu finden ist. Man kann sagen: Sie werden nicht als Literatur angesehen, obwohl sie auch zu den Büchern zählen. Comics sind vorurteilsbehaftet, obwohl sie ihren Ursprung im Journalismus hatten, wo sie Bestandteil der Tageszeitungen waren. Doch während die Zeitungen mit Qualität und Kultur verbunden werden, nahm das Image von Comics eine andere Entwicklung. Insbesondere REPRODUKT, Carlsen und nicht zuletzt natürlich Zeichner wie Flix wollen das ändern. Mit Graphic Novels möchten sie in erster Linie all jene erreichen, die NICHT zu den Comic-Affinen gehören. REPRODUKT geht es dabei nicht darum, dass die Comics es ins klassische Bücherregal schaffen, sondern dass sie dort landen, wo man sie sehen kann, sprich raus aus der Nische der Comicbuchläden und rein in die Buchhandlungen. Menschen sollen sie kaufen wie jedes andere Buch auch. Perfekt wäre es, wenn Graphic Novels/ Comics irgendwann in jeder Buchhandlung ein eigenes Regal haben (so wie in unserer Lieblingsbuchhandlung 😉 ). Comic-Adaptionen literarischer Klassiker sind – neben generell anspruchsvollen Themen – dafür eine gute Möglichkeit.

Klassische Stoffe als Comics

Dass dieser Imagewechsel gelingt bzw. gelang, merken die Verlage. Laut Ralf Keiser, der bei Carlsen für Mangas und Comics verantwortlich ist, lohnen sich Graphic Novels im Allgemeinen und jene mit klassischen, literarischen Stoffen im Besonderen. Dabei zeichnen sich jedoch Unterschiede zwischen deutschen und internationalen Stoffen ab. Die Reaktionen und Nachfragen auf das bei Carlsen erschienene „Faust“ von Flix seien demnach deutlich stärker ausgefallen, als jene auf „Don Quijote“, welches aus der Feder des selben Zeichners stammt.

Comic-Zeichner Flix

Comic-Zeichner Flix

Doch nicht immer finden die Comic-Adaptionen von Weltliteratur auch positives Feedback, wie Flix feststellte. Seinen ersten Comic „Who the Fuck is Faust?“ (die Basis für das 12 Jahre später erschienene „Faust – Der Tragödie erster Teil“) veröffentlichte der Zeichner im Alter von 18 Jahren. Flix hatte während der Schulzeit ganz eigene Interpretationen zu Goethes Klassiker, die von den Lehrern nicht akzeptiert wurden – immerhin standen sie ja auch nicht in den bekannten Interpretationsansätzen. Ein Mitschüler riet ihm daher, seine eigenen Interpretationen doch in einem Faust-Comic umzusetzen, immerhin zeichnete Flix damals schon für die Schülerzeitung. Gesagt, getan. Besondere Motivation, klassische Stoffe in Comic-Form umzusetzen, war und ist für Flix auch heute noch die Frage, wie sich diese Geschichten auf heute übertragen lassen und inwieweit man sie transformieren kann. Der Anspruch bei „Faust“ bestand darin, aus der Tragödie eine Komödie zu machen. Neben der Komik sollte das Werk aber auch Tiefe haben, denn nach Ansicht des Zeichners bedürfe es eines gewissen Maßes an Ernsthaftigkeit, damit Komik wirken kann. Einen Verlag für seine Interpretation des Klassikers fand Flix sogar noch während der Schulzeit. Nach der Veröffentlichung hinterfragten jedoch einige, ob man so etwas mit einem Klassiker wie „Faust“ überhaupt machen dürfe. Da überrascht es nicht, dass Kritiker Marcel Reich-Ranicki die Lektüre der Graphic Novel sehr entschieden ablehnte. Als Comic ist „Faust“ scheinbar doch keine Hochkultur mehr … (Glücklicherweise werden Graphic Novels jedoch mittlerweile ernster genommen!)

Detlef Wienecke-Janz sprach stellvertretend für die bei Brockhaus erscheinenden Graphic Novels. Brockhaus führte die grafischen Romane ein, um Klassiker der Lebenswelt heutiger Schüler näher zu bringen, wobei die Comics keine Neuinterpretation sein sollen, wie dies bei den Werken von Flix der Fall ist, sondern lediglich eine andere Umsetzungsform darstellen. Graphic Novels verfolgen hier in einen Bildungsauftrag und sollen die Jugendlichen motivieren, nach dem Comic das Original zu lesen. Laut Wienecke-Janz hat Brockhaus mit dem Einsatz der Klassiker-Comics Erfolg: Die Graphic Novels wurden zunächst in den Klassenstufen 8 bis 10 getestet. Von den teilnehmenden Schülern gaben etwa 80 Prozent an, Spaß mit der Lektüre gehabt zu haben – lediglich 15 Prozent konnten mit den Klassiker-Comics gar nichts anfangen. Mittlerweile würden Schulen bei Brockhaus sogar direkte Anfragen zu den Klassiker-Comics stellen. Flix sieht die Brockhaus-Methode jedoch kritisch: Die Graphic Novels seien hier nur Mittel zum Zweck, was der Gattung „Comic“ einfach nicht gerecht werde. Zudem seien die Graphic Novels nicht das ideale Mittel, Klassiker näher an der Lebenswirklichkeit Jugendlicher ansiedeln möchte – hierfür wären nach Ansicht des Zeichners Apps oder andere moderne Darbietungsmöglichkeiten besser geeignet.

Was macht eine gute Graphic Novel aus?

Während es bei Brockhaus um einen Bildungsauftrag und um die Vermittlung der klassischen Stoffe geht, zählen für die drei weiteren Diskussionsteilnehmern andere Dinge. So sagte Michael Groenewald, dass REPRODUKT keinen Bildungsauftrag im eigentlichen Sinne verfolgt, sondern die Leser an die besondere Leseerfahrung eines Comics heranführen und sie für das Genre öffnen möchte. Einen besonderen Fokus legt der Verlag dabei auf die Ästhetik. Allerdings wolle REPRODUKT keine Comics veröffentlichen, die nur eines haben: entweder optische Schönheit oder Inhalt. Nur beides zusammen ergibt eine gute Graphic Novel und nur, wenn beides stimmt, nimmt der Verlag ein Werk in sein Programm auf.

Ähnlich sehen dies Flix und sein Verlag Carlsen: Bei Graphic Novels oder Comics im Allgemeinen gehe es nicht darum, dass viel experimentiert wird oder der Comic lediglich künstlerische Avantgarde aufweist. Stattdessen müsse die Umsetzung immer auch der Geschichte gerecht werden; der Inhalt ist entscheidend. Zeichner Flix verglich dies mit einem gutem Flughafenleitsystem: In einem solchen wird man nicht offensichtlich hingewiesen und angeleitet, sondern vielmehr ganz automatisch und ohne besonderes Bewusstsein durch den Flughafen bis zum eigentlichen Ziel geführt. Ähnlich verhalte es sich mit einem guten Comic.

Wie geht es mit dem Graphic Novel-Trend weiter?

Nachdem Klassiker und ernste Themen bisher die Graphic Novel-Landschaft prägten, soll das Themenspektrum immer mehr erweitert werden. Ralf Keiser sprach dabei stellvertretend für Carlsen, dass der Verlag zeigen möchte, dass Comics alle Themen behandeln können – nicht nur Klassiker, kindliche Unterhaltung à la „Duck Tales“, Mangas oder Actioncomics wie beispielsweise jene von Marvel. Demnach wolle Carlsen gerne folgende Zielaussage erreichen: „Egal, was dich beschäftigt, es gibt zu allem einen Comic.“

Bei REPRODUKT hingegen öffnet man sich für mehr Altersstufen und so erscheinen hier seit kurzem auch Comics für Kinder.

Ich persönlich sehe der zukünftigen Entwicklung sehr positiv entgegen und begrüße den stattfindenden Image-Wechsel – nicht zuletzt, weil es unglaublich viele talentierter Künstler gibt, die zugleich gute Erzähler sind. Einziger Nachteil des Ganzen? Neue Modelle zur Bücheraufbewahrung sind nötig, denn seien wir ehrlich: Für das normale Regal, in dem von einem Buch lediglich der Rücken zu sehen ist, sind Graphic Novels/ Comics viel zu schade!