Im Gegensatz zu den meisten anderen Schulklassen wurde bei uns nie Shakespeare behandelt, folglich auch nie der Klassiker „Romeo und Julia“. Zum ersten Mal habe ich das Drama im Alter von ca. 13 Jahren (plus/minus 1 Jahr) gelesen, kurz nachdem ich auch zum ersten Mal Baz Luhrmanns Verfilmung des Stoffes sah, welche im Übrigen nicht nur durch die durchweg hervorragende Besetzung bestach, sondern auch durch die großartige Musik (ich sage nur: „When Doves Cry“ und „Kissing You“).

Zu etwa diesem Zeitpunkt war ich mit meinen Eltern auch in Italien und wir machten einen Ausflug nach Verona – Handlungsort der Geschichte. In Touri-Manier ging es zum (vermeintlichen) Grab und Elternhaus Julias, wo ich auf dem berühmten Balkon und neben der Statue der Protagonistin stand. Damals war ich ganz verrückt nach Shakespeares berühmtester Liebesgeschichte. Mittlerweile hat dies jedoch deutlich nachgelassen. Damals begeisterte mich die Liebesgeschichte (wie vermutlich jedes Mädchen), heute kann ich über ebenjene nur den Kopf schütteln: Die Art, wie schnell und definitiv sich Romeo und Julia ineinander verlieben, sich verloben, ewige Treue schwören und schließlich füreinander sterben – all dies passiert in nur fünf Tagen und obwohl beide den jeweils anderen nicht mal ansatzweise kennen. Für mich persönlich ist dieses Verhalten der zwei Protagonisten zu naiv und kurzsichtig.  Das alles ändert jedoch nichts daran, dass Shakespeare für mich der größte Bühnenautor aller Zeiten ist und die Geschichte gut geschrieben ist und vor allem auch die einzelnen Figuren alle gänzlich verschieden sind und Tiefe besitzen.

Dies war nun meine ganz persönliche Geschichte, wie ich „Romeo und Julia“ kennenlernte und was ich mit diesem Stück verbinde. Im Rahmen der Challenge möchte Initiatorin Karla aber gerne noch folgendes wissen:

1) Was gefällt Euch an dieser Tragödie gut bzw. nicht so gut?

Das meiste davon habe ich bereits oben genannt. Vor zehn Jahren stand auf der Pro-Liste die Liebesgeschichte, die ich heute nicht mehr so mag. Unverändert gefällt mir noch immer der Aufbau der Handlung und der sprachliche Stil sowie die Charaktere, allen voran: Mercutio. Ich liebe seine Art, seine treffende Wortwahl und Ehrlichkeit.

2) Würden Romeo und Julia heute noch als Paar bestehen (inkl. Begründung)?

Jain. Dass diese Art der Liebesbeziehung seit Shakespeare immer wieder in Literatur, Film und Theater/ Musical thematisiert wird, zeigt, dass die Geschichte damals wie heute von gleicher Aktualität ist und diese Art der alles verzehrenden, aufopfernden Liebe noch heute die Menschen fasziniert. Inwieweit eine solche Beziehung in der Realität existieren würde, bezweifle ich jedoch. Wer über die Teeniephase hinaus ist, weiß, dass das Sprichwort „Liebe macht blind“ nicht ganz falsch ist und man zu Beginn einer Liebelei vieles nicht sehen will, Dinge anders interpretiert oder alles um einen herum vergisst und vollends in seiner Schwärmerei aufgeht. Doch nach einmaligen Sehen gleich für den anderen zu sterben oder ihm ewige Treue zu schwören, würde heute wohl keiner tun 😉

3) Welche Bücher mit ähnlichem Liebeshintergrund fallen Euch dazu ein?

Kai Meyer bedient sich in „Die Alchimistin“ dieser Thematik des Liebespaares aus verfeindeten Seiten. Ally Condies „Cassia & Ky“-Reihe dreht sich ebenfalls um eine Liebe, die nicht sein darf und dem zweiten, vermeintlich besser zur Heldin passenden Mann. Auf der Bühne findet sich dieser Stoff zudem in Verdis „Aida“ (im Übrigen eine meiner Lieblingsgeschichten und die darauf basierende Musicalinszenierung von Elton John und Tim Rice entfachte meine Leidenschaft für Musicals).

4) Was macht gerade diese Tragödie von Shakespeare Eurer Meinung nach bis heute so besonders?

Zum einen die bereits erwähnte unveränderte Aktualität des Stoffes: eine Liebe, die verblendet, erlebt wohl fast jeder mal (insbesondere bei jugendlichen Mädchen lässt sich dieses Phänomen ja immer wieder feststellen 😉 ), dann der Punkt, dass diese Liebe solche Steine in den Weg gelegt werden und das Paar sich dem widersetzt und zu guter Letzt wünscht sich insgeheim wohl jeder, jemanden so zu bedingungslos zu lieben und ebenso zurück geliebt zu werden, einander so sehr zu vertrauen. Davon abgesehen stecken in dem Drama aber auch etliche Wahrheiten, bspw. hinsichtlich des Themas „Gewalt“.

5) Was ist Euer Lieblingszitat? 

Wie erwähnt, ist Mercutio meine absolute Lieblingsfigur der Geschichte (gefolgt von Bruder Lorenzo und der Amme). Demzufolge haben es mir auch seine Aussagen sehr angetan. Meine unangefochtene Lieblingsstelle ist sein Monolog über Queen Mab (bzw. im deutschen: Frau Mab) und die Träume. Diesen Part liebe ich zum einen wegen seiner Metaphorik, zum anderen weil er so wahr und sehr viel über Mercutio aussagt. Auch vom Schauspielerischen her blieb diese Stelle mir in all den Jahren immer am meisten im Gedächtnis und hinterließ auf mich stets den stärksten Eindruck, was sicher nicht zuletzt an der großartigen Interpretation Harold Perrineaus (auch bekannt aus „Lost“ und „Matrix“) in Baz Luhrmanns Verfilmung lag.

„O, then, I see Queen Mab hath been with you.
She is the fairies’ midwife, and she comes
In shape no bigger than an agate-stone
On the fore-finger of an alderman,
Drawn with a team of little atomies
Athwart men’s noses as they lie asleep;
Her wagon-spokes made of long spinners’ legs,
The cover of the wings of grasshoppers,
The traces of the smallest spider’s web,
The collars of the moonshine’s wat’ry beams,
Her whip of cricket’s bone; the lash of film;
Her waggoner a small grey-coated gnat,
Not half so big as a round little worm
Pricked from the lazy finger of a maid:
Her chariot is an empty hazelnut
Made by the joiner squirrel or old grub,
Time out o’ mind the fairies’ coachmakers.
And in this state she gallops night by night
Through lovers’ brains, and then they dream of love;
O’er courtiers’ knees, that dream on court’sies straight,
O’er lawyers’ fingers, who straight dream on fees,
O’er ladies ‘ lips, who straight on kisses dream,
Which oft the angry Mab with blisters plagues,
Because their breaths with sweetmeats tainted are:
Sometime she gallops o’er a courtier’s nose,
And then dreams he of smelling out a suit;
And sometime comes she with a tithe-pig’s tail
Tickling a parson’s nose as a’ lies asleep,
Then dreams, he of another benefice:
Sometime she driveth o’er a soldier’s neck,
And then dreams he of cutting foreign throats,
Of breaches, ambuscadoes, Spanish blades,
Of healths five-fathom deep; and then anon
Drums in his ear, at which he starts and wakes,
And being thus frighted swears a prayer or two
And sleeps again. This is that very Mab
That plaits the manes of horses in the night,
And bakes the elflocks in foul sluttish hairs,
Which once untangled, much misfortune bodes:
This is the hag, when maids lie on their backs,
That presses them and learns them first to bear,
Making them women of good carriage:
This is she—“

(Mercutio In: William Shakespeare: „Romeo and Juliet“; 1. Akt, 4. Szene, Verse 53 bis 95 In: „The Complete Works of William Shakespeare“; HarperCollins Publishers 2006)

Neben diesem Zitat Mercutios liebe ich außerdem den Begriff „star-crossed“ bzw. dessen Übersetzung „unstern bedroht“. Vor allem in deutscher Sprache finde ich  diesen Ausdruck so gewaltig – hinter diesen zwei Wörtern steckt so viel und ich persönlich finde es mehr als schade, dass diese Phrase in unserem heutigen Sprachgebrauch keinerlei Anwendung mehr findet.