Mark Twains Klassiker erzählt die Geschichte des kleinen Tom, der nach dem Tod seiner Mutter bei seiner Tante Polly aufwächst. Mit seinen Streichen und seiner Faulheit bereitet er seiner neuen Erziehungsberechtigten allerlei Sorgen. Clever lässt sich der Junge immer wieder etwas Neues einfallen, um unliebsamen Aufgaben zu entgehen und stattdessen irgendwelche Abenteuer zu erleben. Bekannt sein dürfte vielen die Floßfahrt mit seinen Freunden Huckleberry Finn und Joe Harper (auch wenn Letzterer bei Anspielungen in diversen Film- und Fernsehszenen oft ignoriert wurde) oder das Anstreichen des Zaunes, dass Tom umgeht, indem er diese Arbeit anderen als Vergnügen verkauft.

Im Großen und Ganzen erleben Tom und Huck ganz normale Kinderabenteuer – harmlose Streiche, das Spielen von Piraten etc. Doch sie erleben auch gefährliche Momente und bereiten ihrem ganzen Heimatort Kummer: Joe, Huck und Tom bleiben mehrere Tage lang auf einer Insel, nachdem sie sich von aller Welt ungerecht behandelt fühlen und daher abhauen. Später beobachten Tom und Huck einen Mord, der schwer auf ihrem Gewissen liegt und Tom schließlich zum Ziel des bösen Indianer Joe macht. Als wären dies nicht genug Probleme, verirren er und seine Freundin Becky sich auch noch in einer Höhle …

Twains Roman ist locker geschrieben, hemmungslos fließen dabei auch hin und wieder Kraftausdrücke hinein, was für ein Kinderbuch doch eher ungewöhnlich ist. Manche, besonders die alltäglichen Situationen, kommen dem Leser/ Hörer vielleicht aus der eigenen Kindheit bekannt vor und bewirken ein Schmunzeln – ebenso wie manch treffende Darstellung der Gesellschaft, von denen einiges noch heute zutrifft. Bestes Beispiel ist hier wohl die Schilderung der (medizinischen) Klatschpresse, die heute alle Heilmittel verwirft, die sie gestern noch predigte. So liefert der Roman nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen gute Facetten.

Aber auch wenn Tom Sawyers Abenteuer amüsant und abwechslungsreich sind, so ist der Jahrhunderte lange Hype um Twains Roman doch übertrieben. Die einzelnen Abenteuer hätten oft in kürzerer Zeit erzählt werden können, die meisten Charaktere sind Stereotype – besonders die Erwachsenen – und über Toms Verhalten kann man manchmal nur den Kopf schütteln: So lernt er nie aus seinen Fehlern, ignoriert selbst lebensbedrohliche Gefahren, derer er sich allerdings bewusst ist. Natürlich ist er ein Kind und ist daher neugierig, handelt unüberlegt. Dagegen spricht auch nichts. Aber selbst Kinder haben genug Verstand, aus solch großen Fehlern und Gefahren, wie Tom sie erlebt, zu lernen und nicht dermaßen leichtsinnig und lebensmüde zu handeln. So hat Tom gesehen, wie der Indianer Joe jemanden ermordete. Seit diesem Moment ist der kleine Junge von Angst ergriffen, hat Albträume und leidet fast schon unter Verfolgungswahn. Nachdem er vor Gericht den Täter bekannt macht und dieser flieht, fürchtet Tom um sein Leben. Ihm ist bewusst, dass Joe Rache nehmen könnte. Dennoch verfolgt Tom gemeinsam mit Huck die nächste Übeltat des Mörders und bringt sich damit erneut in Gefahr. Und das nur wegen einer Truhe voll Geld, die die beiden Jungs – in Piratenmanier – eh wieder vergraben wollen! Später in der Geschichte das Gleiche noch einmal: Tom verirrt sich mit Becky in der Höhle. Erst nach Tagen finden sie – völlig ausgehungert – den Ausgang. Sie hätten diesen Ausflug beinahe nicht überlebt. Trotzdem überredet Tom seinen Freund Huck dazu, in der Höhle nach dem Schatz des Indianer Joe zu suchen. Bei allem kindlichen Leichtsinn – so gedankenlos würde doch kein Kind handeln, dass kurz zuvor in ähnlichen Situationen, am gleichen Ort in Lebensgefahr schwebte!?!

Sieht man von diesen unauthentischen Aspekten ab, ist Mark Twains Roman aber dennoch ein unterhaltsames Lesevergnügen.

Oliver Rohrbeck macht als Sprecher wieder einmal einen fabelhaften Job! Seine Stimme ist selbst nach den über sieben Stunden des Hörbuchs noch immer angenehm. Auch passt der jugendliche Klang seiner Stimme hervorragend zu einer solchen Lausbubengeschichte. Für viel Abwechslung sorgt Oliver Rohrbeck, indem er den Charakteren verschiedene Stimmlagen und Sprechstile verleiht. Oft entsteht dadurch der Eindruck, das Hörbuch würde nicht von einem, sondern mehreren Sprechern gelesen werden. Das Zuhören macht auf diese Weise viel Spaß und es fällt leicht, sich auf die Geschichte zu konzentrieren. Andere Hörbuchsprecher können sich von Oliver Rohrbeck noch eine Menge abgucken – zumindest wenn sie mein Herz bzw. Ohr erobern wollen. 😉

Fazit:

Mark Twain hat Tom Sawyer eine Menge Streiche, lustige und gefährliche Abenteuer erleben lassen. Eine amüsante Geschichte, die  – meiner Meinung nach – aber etwas zu sehr überschätzt und gepriesen wird. Das Hörbuch ist dank des großartigen Oliver Rohrbeck jedoch wunderbar anzuhören und wird auch nach über sieben Stunden nicht langweilig.