Nachdem mir nach Ansehen des Filmes ein paar Fragezeichen bezüglich des Endes über den Kopf schwirrten, musste ich unbedingt das Buch von Dennis Lehane lesen – in der Hoffnung, etwas schlauer zu werden.
Nun ist es durchgelesen. Und weiß ich nun genauer, was das Ende zu bedeuten hat? Nein, kein bisschen. Im Gegenteil. Was aber gar nicht mal so schlecht ist. Denn gewöhnlich kann ich mit Thrillern (und Krimis) so gar nichts anfangen, unter anderem, weil ich immer nach spätestens 50 Seiten weiß, wie die Geschichte ausgehen wird. „Shutter Island“ war nun das erste Buch dieses Genres, bei dem ich das nicht behaupten kann! Das erste Buch dieses Genres, dass ich nicht sterbenslangweilig und voraussehbar fand. Dafür allein hat sich Dennis Lehanes Werk schon einen Platz in meinem Regal verdient!

Doch wie ist es sonst um das Buch bestellt?

In den 50ern werden US-Marshall Teddy Daniels und sein neuer Partner Chuck Aule zur Lösung eines Falls nach Shutter Island beordert. Dort befindet sich das Ashecliffe Hospital – eine Mischung aus Gefängnis und Klinik für psychisch kranke Straftäter. Jeder Gefangene/Patient hat mindestens einen Mord in seinem Strafregister verbucht und ist hochgradig gefährlich. Dies gilt auch für Rachel Solando, die sich nun scheinbar in Luft aufgelöst hat und nirgends auf der Insel zu finden ist. Die Marschalls sollen die Inhaftierte nun ausfindig machen und sie zurück hinter die sicheren Mauern der Klinik bringen.
Doch Teddy hat noch ganz andere Pläne auf Shutter Island. Rachel Solando ist nur der Schlüssel, der dem Marschall Zutritt zur Klinik verschafft – das Mittel zum Zweck. Eigentliches Ziel von Teddy Daniels ist es, Andrew Laeddis, den Mörder von Daniels Frau Dolores, ausfindig zu machen und Rache zu üben. Gleichzeitig möchte er außerdem aufdecken, mit welch Menschen verachtenden, brutalen Methoden die Klinik arbeitet.
Auf der Insel stellt sich schließlich heraus, dass das Klinikpersonal quasi jede Hilfe verweigert und so sämtlichen Ermittlungen im Wege steht. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Rachel Solando taucht wieder auf, ein Sturm stürzt die Insel ins Chaos, Teddy darf die Insel nicht verlassen und dann verschwindet auch noch Chuck. Nun muss Teddy alleine weiter forschen, sich entscheiden, ob er die Machenschaften der Klinik auffliegen lassen will oder doch seinen Wunsch nach Rache verwirklichen will – dabei verliert er scheinbar immer mehr den Verstand. Es stellen sich die Fragen: Wer ist verrückt? Wer spielt mit wem? Wer verfolgt welche Absichten? Was geht im Ashcliffe Hospital wirklich vor? Und vor allem – was ist real und was nicht?

Während des Lesens bemerkte ich natürlich vor allem, dass „Shutter Island“ alles andere als voraussehbar ist – auch wenn die Story auf den ersten Blick nun nicht gerade so neu und spektakulär erscheint. Ich wollte immer wissen, wie es weitergeht und wie sich alles zum Schluss auflösen würde.
Lehane schafft es, die Thematik gut verständlich herüberzubringen – selbst die Abschnitte, in denen es um medizinische oder psychotherapeutische Belange ging. Im Gegensatz zu anderen Autoren wirft er nicht permanent mit Fachausdrücken um sich, nur um dem Leser sein Wissen zu präsentieren und sein eigenes Ego zu befriedigen! Nein, Dennis Lehane schafft es alles für jeden klar und einfach verständlich zu vermitteln, sodass man beim Lesen nicht noch das Lexikon oder Tante Wiki befragen muss.
Probleme hatte ich aber anfangs mit dem Klinikpersonal – ich konnte oftmals die Namen nicht den bestimmten Personen zu ordnen, musste überlegen, wer jetzt noch mal wer war. Dies legte sich aber zum Glück später.
Womit ich länger zu kämpfen hatte, war die Spannung. Denn obwohl sich einige Fragen stellen und kein Geschehen absehbar ist, fand ich das Buch anfangs nicht allzu fesselnd – interessant ja, aber nicht gerade bombastisch nervenaufreibend. Die Story braucht ein Weilchen, um richtig in Schwung zu kommen und vieles ist einfach viel zu langatmig, lässt den Leser diese 4 Tage auf der Insel wie 4 Monate vorkommen. Manches, was ich für weniger wichtig hielt, wurde einfach viel zu lang und breit behandelt. Anderes wiederum hätte ich gerne etwas detaillierter geschildert bekommen. Lehane hätte ruhig noch etwas mehr Tempo in die Geschichte einbauen können, denn so wie sie nun ist, ist sie anfangs zäh wie Gummi. Erst auf den letzten hundert Seiten gewinnt die Story richtig an Geschwindigkeit – und da folgt plötzlich ein Ereignis auf das nächste und alles rast an einem vorbei. Während ich für die ersten 2/3 des Buches Wochen gebraucht habe, lasen sich die letzten 100 Seiten in wenigen Stunden weg. Am Ende hat der Spannungsbogen also quasi seinen Höhepunkt erreicht – nach einem langen, anstrengenden Aufstieg!

Fazit:
„Shutter Island“ ist kein schlechtes Buch. Die Story fand ich wirklich klasse und am Ende war das Buch noch richtig fesselnd. Wer also die ersten 200 Seiten durchhält, wird mit einem genialen Abschluss belohnt – und ist hinterher noch verwirrter als zu Beginn des Lesens! Ich weiß jedenfalls immer noch nicht so recht, wie ich das Ende von „Shutter Island“ genau interpretieren soll: Zwei Varianten schwirren in meinem Kopf umher, doch welche davon nun die Wahre ist, habe ich noch nicht herausgefunden. Recherchen mit Onkel Google zeigten jedoch, dass es nicht nur mir so geht. 😉