Es heißt, jedes Leben habe einen Sinn. Anna Fitzgerald ist nur auf dieser Welt, um ihrer Schwester Kate das Leben zu retten. Diese leidet nämlich unter einer schweren Form der Leukämie. Weder die Eltern noch Bruder Jesse sind geeignete Spender. Daher beschlossen Mutter Sara und Vater Brian ein drittes Kind zu bekommen. Im Labor „kreierten“ die Ärzte eine Art genetischen Zwilling für Kate: Anna. Sie verfügt über alle Eigenschaften, die notwendig sind, um als Kates Spender zu fungieren. Während sich andere Eltern Gedanken über Geschlecht, Namen, Aussehen und Gesundheit  ihrer künftigen Kinder machen, denken Sara und Brian Fitzgerald nur daran, inwiefern Anna Kate helfen kann.

Kaum ist Anna auf die Welt gekommen, wird ihr Nabelschnurblut sofort verwendet, um der zu diesem Zeitpunkt dreijährigen Kate zu helfen.

In den kommenden Jahren folgen mehrfach Blut- und Knochenmarksspenden. Im Alter von 13 Jahren soll Anna ihrer sterbenskranken Schwester schließlich eine Niere spenden. Hier ist für Anna die Grenze erreicht. Sie wendet sich an den renommierten Anwalt Campbell Alexander und verklagt ihre eigenen Eltern. Annas Wunsch: Medizinische Selbstbestimmung – sie möchte künftig selber entscheiden, ob und was sie ihrer Schwester Kate spendet; möchte endlich RICHTIG leben.

Im Verlauf der Geschichte erfährt man nicht nur von dem eigentlichen gerichtlichen Verfahren, sondern auch über das Leben davor:  sowohl über Kates Krankheitsgeschichte als auch über die Rolle, die Anna und Jesse in der Familie spielen. Alles im Leben der Fitzgeralds dreht sich nur um Kate – jederzeit ist mit einem Rückfall oder einer anderen Verschlechterung des Krankheitsverlaufs zu rechnen. Anna und Jesse fristen in der Familie eher ein Schattendasein – sie fühlen sich nicht wahrgenommen, unsichtbar. Doch während Anna wenigstens dann Beachtung erfährt, wenn sie Gutes für Kate tun kann, bleibt Jesse immer außen vor. Dies führt dazu, dass er Drogen konsumiert und leerstehende Gebäude in Brand setzt.

Sowohl Anna als auch Jesse sehnen sich also nach Beachtung, nach Liebe und nach einem wirklichen Leben; sie wollen raus aus ihrem Schattendasein – ein ganz normales Familienleben führen wie alle anderen auch. Doch ist dies nur möglich, wenn Kates Leiden ein Ende hat. Auch sie führt alles andere als ein glückliches Dasein, ist sowohl von der Krankheit als auch den unzähligen medizinischen Eingriffen erschöpft, hat jeglichen Lebenswillen verloren.

Es gipfelt schließlich alles im Prozess, der nicht nur die Fitzgeralds, sondern auch den Leser vor die Frage stellt: Soll Anna von der „Spenderpflicht“ befreit werden, um ein normales Leben führen zu können? Doch dann wird Kate sterben. Oder soll Anna ihre Niere spenden – auf die Gefahr hin, ihre eigene Gesundheit zu riskieren und Kate dennoch nicht mehr retten zu können?

Jodi Picoults Roman wirft etliche ethische und moralische Fragen auf, regt zum Nachdenken an. Sie stellt Fragen, die für jeden schwer zu beantworten sind, zeigt Probleme auf, vor die keiner in seinem Leben gestellt werden möchte:

Darf man ein Kind zeugen, nur um damit ein anderes zu retten? Hat nicht jedes Kind ein Recht auf ein eigenes, selbstbestimmtes Leben? Ist Anna denn nur ein Spender für ihre Schwester oder ist sie ein Individuum wie jeder andere Mensch?

Sollen die Eltern Kate sterben lassen, um Anna weitere Operationen und Komplikationen zu ersparen, ihr somit ein schöneres Leben schenken? Oder sollen sie alle medizinischen Möglichkeiten ausschöpfen, um Kates Leben so weit wie möglich zu verlängern – auch auf die Gefahr hin, damit Annas Gesundheit zu riskieren? Und wann lohnt es sich überhaupt, zu kämpfen und wann ist es besser, loszulassen?

„My sister’s keeper“ (bzw.  „Beim Leben meiner Schwester“ in der deutschen Übersetzung) ist alles andere als leichte Kost. Die Geschichte ist so emotional, mit so viel Liebe und Feingefühl  geschrieben, dass sie keinen Leser kalt lässt – hin und wieder kann sich auch die ein oder andere Träne ins Auge schleichen.

Trotz der Schwere des Themas liest sich Picoults Buch jedoch gut und schnell weg. Dies mag zum einen an den tollen, realistischen Charakteren, den Emotionen und der lebendigen, bildlichen Sprache liegen, aber auch an den nicht zu seltenen humorvollen Stellen und der Nebenhandlung – die Liebesgeschichte zwischen Anwalt Campbell und Verfahrenspflegerin Julia – , die die ganze Geschichte etwas auflockern.

Jedes Kapitel ist aus der Sicht von einem der Protagonisten geschrieben – aus jeder Sicht, außer Kates. Erst im allerletzten Kapitel – und einige Jahre nach dem Gerichtsprozess – wird ein Teil der Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt.

Fazit:

Jodi Picoults „My sister’s keeper“ ist ein wundervolles, sehr fesselndes und berührendes Buch, das nicht selten zum Nachdenken und Diskutieren anregt.

Am Ende der Geschichte hätte ich das Buch jedoch am liebsten gegen die Wand geworfen! Nicht, weil es schlecht ist – im Gegenteil. Aber es ist einfach so traurig, unfair und unerwartet, dass ich mich irgendwie geärgert habe. Andererseits hätte es nun einmal kein gerechtes, kein glückliches Ende geben können, denn auch im wahren Leben wendet sich nicht immer alles zum Guten; es gibt Schmerz, Kummer und Leid.  Kurz und knapp: Das Buch ist top und ein absolutes „Must-Read“!

Obwohl ich es auf Englisch gelesen habe, fand ich es sehr gut verständlich – lediglich die medizinischen Begrifflichkeiten brachten mich gelegentlich an meine Fremdsprachen-Grenzen. Aber auch ohne jedes einzelne Wort zu kennen, ließen sich Sinn und Handlung des Buches immer verstehen.

Picoults Schreibstil hat mich übrigens sehr überzeugt, weshalb ich unbedingt noch weitere Werke von ihr lesen möchte. Vielleicht findet ihr also schon bald eine Rezension zu einem anderen Buch von ihr auf meiner Seite. 😉